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Ute Frietsch

Geschlecht als Tabu

1. Offene Geheimnisse
Man kann sich fragen, ob der Bereich des Geschlechtlichen in demokratischen westlichen Gesellschaften überhaupt tabuisiert ist. Auf den ersten Blick stellt sich der gesellschaftliche Umgang mit Geschlecht und Sexualität heute in diesem Kontext als weitgehend freizügig dar. Auf den zweiten Blick zeigt sich allerdings, dass die Enttabuisierung von Sex/ualität sowie Geschlecht/erverhältnissen abhängig ist von Aspekten wie dem Ort des Geschehens, dem Medium der Darstellung und dem Status der beteiligten Personen. Die Aushandlung dessen, was sich in dieser Hinsicht sagen und zeigen lässt, ist ein gesellschaftlicher Prozess. Auffällig ist, wie viel Arbeit in diesen Prozess investiert wird: Die Aushandlung ist offensichtlich gesellschaftlich produktiv. Sie verändert zudem die Vorstellung von Tabu als solche, denn der Bereich des Sexuellen ist paradigmatisch für die Vorstellung von Tabu: Was sich nicht unumwunden offen ansprechen lässt, ist zumindest so ähnlich wie der intime Bereich des Sexuellen. Insofern dürften Tabus aller Art eine strukturelle Übereinstimmung mit dem sexuellen Tabu aufweisen – selbst wenn es dieses für ‚uns‘ (Erwachsene, Bürger westlicher Gesellschaften etc.) gar nicht mehr im strikten Sinne geben sollte.
Angesichts des freizügigen Umgangs mit Sex/ualität sowie des paradigmatischen Charakters von Sex/ualität für das Tabu wirkt die Rede von Tabus für die deutsche Gesellschaft generell etwas zu streng oder absolut: Wenn Sex/ualität nicht mehr wirklich tabu ist, gibt es dann überhaupt noch Tabus? Als oftmals zutreffender erscheint der Ausdruck „offenes Geheimnis“[1]. Ein offenes Geheimnis ist ein Geheimnis, das zwar von allen gewusst wird, aber nicht expliziert werden darf/sollte. Der spezifische Reiz im Umgang mit offenen Geheimnissen erklärt sich u.a. daraus, dass er Geschick erfordert. Man muss das Spiel verstehen (wie der pragmatische Anthropologe und Aufklärer Kant gesagt hätte[2]), wenn man von dem Geheimnis profitieren möchte. Wer das Geheimnis ausplaudert, kommt um seinen Gewinn. Es scheint sich dabei eher um einen Verstoß gegen den guten Geschmack zu handeln als um einen Tabubruch im Sinne eines Zivilisationsbruches.
Ich beginne meinen Text mit vagen Formulierungen wie „scheint“ und „dürfte“, die in diesem Kontext nicht als rhetorisch zu interpretieren sind. Offensichtlich sind die Fragen, ob Geschlecht/erverhältnisse bzw. Sex/ualität tabuisiert werden und ob es überhaupt noch Tabus gibt, nicht einfach zu beantworten. Dass man in diesen Fragen etwas im Dunkeln tappt, ist aussagekräftig für das Thema Tabu selbst. Dieser Text versteht sich insofern als Essay.[3]


2. Was es heißt, das Spiel zu verstehen (I)
Begeben wir uns ins Privatfernsehen, um den angesprochenen Zusammenhängen des guten und schlechten Geschmacks bzw. der Tabus und Tabubrüche etwas genauer nachzuspüren. Am 8.2.2014 um 20.15 wird beispielsweise auf dem Privatsender RTL in der Sendung Deutschland sucht den Superstar eine kleine Szene übertragen, in der die genannten (Macht-)Aspekte – die Abhängigkeit der Ent/Tabuisierung vom Ort des Geschehens, vom Medium der Darstellung und dem Status der beteiligten Personen – auf anschauliche Weise zum Ausdruck kommen. Laut Medienanalyse schauen 5,22 Millionen Zuschauer an diesem Abend die Sendung, der Marktanteil beträgt damit 16,7% und das Geschehen lässt sich insofern als durchaus repräsentativ beurteilen. Der Kandidat, der angetreten ist, um sich als Superstar zu profilieren, trägt einen Papagei bei sich. Mieze Katz, Front-Sängerin der Berliner Elektropopband „Mia.” und Mitglied der Jury, verlässt ihren Platz in der Jury, tritt auf den Kandidaten zu und nimmt den Papagei auf ihre Schulter. Daraufhin wirft Rapper Prince Kay One, als weiteres Mitglied der Jury, einen Witz in den Sendesaal: „Mieze ist gut zu Vögeln”. Die Fernsehredaktion spielt einen Tusch, um den bemerkenswerten Gehalt dieser Aussage zu unterstreichen. Es folgt ein Moment gespannter Stille: Wie wird Mieze Katz mit dieser Herausforderung umgehen? Wird jemand sein Gesicht verlieren? Die Kamera schwenkt interessiert auf den Pop-Produzenten Dieter Bohlen, der mit offenem Mund anerkennend grinst. Aus dem Off meldet sich die RTL-Redaktion mit einem „Hey Kay” zu Wort, das sich sowohl als Ermahnung wie als Ermunterung interpretieren lässt. Pop-Sängerin Marianne Rosenberg, als drittes der vier Mitglieder der Jury, wird eingeblendet, wie sie sich, ihrerseits wortlos, mit skeptischem Blick ihrem Kollegen zuwendet. Der Kandidat übernimmt relativ geschickt das Wort und sagt: „Äh, ja, das sehe ich gerade. Sie streichelt gut.” Jury-Mitglied Kay lacht. Die Redaktion spielt einen Walzer ein. Mieze Katz ignoriert den Witz, dreht sich mit dem Papagei auf der Schulter selig lächelnd, wie ein kleines Mädchen, im Tanz und geht schließlich mit dem Papagei auf ihren Platz in der Jury zurück. Damit ist der produktive Gehalt der Situation jedoch noch nicht erschöpft. Der Kandidat greift die Aussage nochmals auf und sagt: „Kay One hatte definitiv recht“. Der Rapper wiederholt grinsend: „dass sie gut zu Vögeln ist? Siehste ja”. Der Kandidat erwidert: „Ja, ja, das sympathisiert, definitiv” – eine Formulierung, die er sich vermutlich vor der Sendung zurecht gelegt hatte, um die Anwesenheit seines Papageis zu erklären. Sängerin und Jury-Mitglied Mieze Katz ignoriert die Aussage abermals. Das kleine Intermezzo wird zwischen den Mitgliedern der Jury nicht weiter thematisiert, eine Metaebene wird nicht eingeführt.

Der Vorfall wird auch in dem Begleittext des Mitschnitts, der auf der Website von RTL – übrigens im entscheidenden Moment von Werbung unterbrochen – zu sehen ist, nicht thematisiert. Die Pointe wird anstatt dessen verschoben: Im Anschluss an die geschilderte Szene diskutieren die Mitglieder der Jury darüber, dass „der Papagei Mieze vollgekackt” hat. Die RTL-Redaktion nutzt diesen Vorfall für die URL-Adresse des Mitschnitts.[4] Das anale Element toppt den sexuellen Witz  – der Papagei hat die „Ehre beschmutzt“, die Bluse „befleckt“ (siehe Abbildung oben) – und soll ihn damit als harmlos erweisen – andernfalls wäre es wohl dem Schnitt zum Opfer gefallen. Fernsehformate, die nicht live ausgestrahlt werden, lassen sich je nach Wunsch inszenieren. Die einzelnen Akteure handeln entsprechend dem Platz, der ihnen strukturell zugewiesen ist. So leistet die Szene u.a. Folgendes: Der Machtraum der Show wird stabilisiert, indem unterstrichen wird, wer in der Jury das Sagen hat. Wenn Dieter Bohlen – auf Börse online vom 8.2.2014 auch als „Urvater Bohlen” bezeichnet – grinst, dann ist die Aussage okay: Der Prinz ist der Prinz, er folgt seinem Vater, dem König, und bleibt als Nachfolger legitimiert. Zugleich wird eine gewisse Spannung, die zum Entertainment gehört, ausgespielt, indem sich vermittelt, dass das Machtgefälle zwischen Jury und Kandidaten innerhalb der Jury seine Fortsetzung findet. Die Mitglieder der Jury werden auf diese Weise plastischer, sie verdeutlichen ihren Charakter und ihre Position im Betrieb. Es ergeben sich zudem Fragen persönlicher Art, aus denen sich weitere Plots entwickeln ließen: Sind die Mitglieder der Jury miteinander intim etc.? Die Mitglieder der Jury erweisen sich auf diese Weise als Stars: Ihre persönlichen Affären und Relationen scheinen von öffentlicher Bedeutung zu sein. Da sie persönlich sind, werden sie zugleich mit der üblichen Ambivalenz von Sagen und Nicht-Sagen, Zeigen und Nicht-Zeigen behandelt. Dieser Anstand der Ambivalenz bleibt zumindest solange gewahrt, wie eine Person nicht den sozialen Tod erleidet. Der soziale Tod bestünde u.a. darin, dass sich jedwedes intime Detail offen in der gesellschaftlichen Manege verreißen und breittreten ließe.


3. Die Anforderungen einer heterosozialen Öffentlichkeit
Die Tabuisierung oder Enttabuisierung von Geschlechterverhältnissen sowie sexuellen Aktionen hat eine gesellschaftliche Funktion, die je nach Ort des Geschehens verschieden ist. Auf der heterosozialen Bühne des Privatfernsehens lässt sich Geschlechtlichkeit auf andere Weise inszenieren und verhandeln als beispielsweise in einer homosozialen Gemeinschaft wie dem Vatikan.[5] Zugleich sind die gesellschaftlichen Milieus nicht absolut voneinander geschieden. Gerade die Print- und audiovisuellen Medien sind Garanten dafür, dass Milieus miteinander konfrontiert werden und sich intime Details zwischen ihnen transportieren lassen. Die Badewanne des Limburger Bischofs Tebartz-van Elst, die 2013 ob ihrer hohen Herstellungskosten in die mediale Diskussion gelangte, lässt sich beispielsweise als intimes Detail – im Sinne einer tabuisierten und daher gerade wissenswerten Vergeschlechtlichung[6] – interpretieren. Sie wird zum Symbol, das seine sexuelle Semantik u. a. aus den parallelen Diskussionen um den sexuellen Missbrauch bezieht, der in der katholischen Kirche in den letzten Jahrzehnten seitens vermeintlich zölibatärer Amtsträger praktiziert wurde.
In den homosozialen Gemeinschaften der Kirche, etwa den Klöstern, wurde Sexualität auf andere Weise gelebt als in den heterosozialen Gemeinschaften der heutigen bürgerlichen Öffentlichkeit.[7] Die bürgerliche Öffentlichkeit rüttelt u. a. an den Tabus homosozialer Gemeinschaften, indem sie das vermeintliche oder gelebte Zölibat problematisiert. Die Diskussion der Vor- und Nachteile zölibatären Lebens ist dabei keine rezente Erscheinung. Sie war beispielsweise ein wesentlicher Aspekt der frühneuzeitlichen Konfrontation von Protestantismus und katholischer Kirche. Zölibatspflicht galt zudem nicht allein für Klöster: Die Zölibatspflicht der Universitätsgelehrten des hohen Mittelalters etwa wurde erst im Verlauf der Frühen Neuzeit aufgehoben.[8]
Gerade am Beispiel der Universitäten lässt sich allerdings aufzeigen, dass auch säkulare Demokratien Schwierigkeiten haben mit dem heterosozialen Umgang in Öffentlichkeit und Arbeitswelt, wenngleich dieser für sie in gewisser Weise charakteristisch ist. Der Zugang von Frauen zu Universitäten wurde erst im 20. Jahrhundert üblich. Angesichts der mittlerweile realisierten Gleichberechtigung in Hinblick auf Studienzugang und untere akademische Abschlüsse trauern Wissenschaftler dabei gelegentlich offen der homosozialen Atmosphäre früherer Zeiten nach.[9] Eine interessante Intervention stellt in diesem Zusammenhang die Empfehlung des Soziologen und Genderforschers Stefan Hirschauer dar, in der Arbeitswelt ein „Undoing Gender“ – eine konsequentere, auch habituelle Geschlechtsneutralität – zu praktizieren.[10] Heterosoziale Umgangsformen sind demnach gewöhnungsbedürftig, sie müssen in der Arbeitswelt habituell angeeignet und den jeweiligen Anforderungen entsprechend transformiert werden.[11] Professionelle Versachlichung scheint ein Weg zu sein, sowohl das sexuelle Tabu wie den sexuellen Tabubruch aufzuheben, die den heterosozialen Umgang verkomplizieren können. Heterosozialer Umgang lässt sich demnach in der demokratischen Arbeitswelt gefahrloser realisieren, wenn er nach dem Vorbild des homosozialen Umgangs praktiziert – also, zumindest oberflächlich, entsexualisiert – wird. Für die Welt des Entertainments gelten allerdings andere Regeln: Eine Versachlichung der Geschlechterverhältnisse mag zwar effizient sein. Der Unterhaltungsbetrieb profitiert jedoch gerade von dem Reiz des Tabus, der in einer heterosozialen Öffentlichkeit inszeniert und ausgespielt werden kann.


4. Das Tabu und der Zusammenhalt von Gemeinschaften
Das Thema Tabu ist bis heute von seiner Konzeption im Rahmen der Psychoanalyse Sigmund Freuds geprägt.[12] Als Inbegriff von Tabu kann daher das Inzest-Tabu gelten. Gerade auch dieses vermeintlich stabilste aller Tabus scheint in der Gegenwart u.a. aufgrund der veränderten Voraussetzungen der Reproduktions- und Verhütungsmedizin zu „erodieren“. Wurde der Inzest zwischen Geschwistern bereits in der modernen Literatur sowie im modernen Kino thematisiert und romantisiert, so wird das Inzestverbot seit einigen Jahren auch juristisch neu verhandelt. Inzest stellt für moderne Gesellschaften keine unumgängliche biologische Gefahr dar. Insofern ist durchaus vorstellbar, dass selbst der Inzest zwischen Vater und Tochter als Straftatsbestand des sexuellen Missbrauchs kategorisiert und das Inzestverbot in der Bundesrepublik (Paragraf 173 des StGB) – wie etwa in Frankreich bereits geschehen – abgeschafft werden könnte.[13]
Lässt es sich als Zeichen fortschreitender Aufklärung interpretieren, wenn moderne Gesellschaften weniger Tabus benötigen?[14] Sexualität wird in den westlichen Gesellschaften generell sehr viel offener verhandelt, seit sie sich in ihrer zentralen Komponente, der Reproduktion, wissenschaftlich-technisch reglementieren und fortschreitend beherrschen lässt. Sex/ualität bleibt zwar von Bedeutung für den Bestand der Gattung. Dass sich der sexuelle Akt jedoch technisch ersetzen lässt, scheint mit einer weiteren diskursiven Öffnung einher zu gehen.
Es ist dabei auffällig, dass sich Gesellschaften heute ganz zentral interkulturell voneinander abgrenzen, indem sie ihren jeweiligen öffentlichen Umgang mit Sexualität und sexuellen Differenzen gegeneinander geltend machen. Differenzen zwischen Christentum und Islam etwa machen sich seit einigen Jahren paradigmatisch am Kopftuch fest, das zu einem Symbol für die Verhüllung weiblicher Körperlichkeit geworden ist.[15] Als Reaktion auf Islamisierungstendenzen im Nahen Osten wird dabei auch dem Feminismus, der die Themen Sex/ualität und Geschlecht/erverhältnisse in Hinblick auf Machtverhältnisse intensiv diskutiert (und insofern enttabuisiert), in westlichen Demokratien eine neue, eher ungewohnte Anerkennung zuteil: Auch in politisch konservativen Kreisen kann die Verhandlung von Sex/ualität und Geschlecht/erverhältnissen, die mit dem Ziel einer Gleichberechtigung der sozialen Geschlechter ausgetragen wird, demnach Popularität gewinnen, insofern sie sich dazu instrumentalisieren lässt, den Unterschied des „eigenen“ europäischen Lebensstils von dem der „anderen“ zu verdeutlichen. Tabus und soziale Ungleichheit scheint es dann prinzipiell nur bei den sich verhüllenden „anderen“ zu geben, während die „eigene“ Gesellschaft und Identität als aufgeklärt propagiert werden.


5. Why don’t we do it in the road?
Bei aller Versachlichung des Umgangs der Geschlechter, die sich in heterosozialen Arbeitswelten beobachten lässt, bleiben sexuelle Akte von der Öffentlichkeit tendenziell ausgeschlossen: „Wir“ machen es in der Regel nicht auf der Straße – insofern man das zuweilen aggressive Sprechen über Sex nicht selbst als einen performativen Akt versteht.[16] Mit dem körperlichen sexuellen Vollzug wäre – um es formal auszudrücken – eine Intensität gegeben, die im öffentlichen Austausch selbst keinen Platz hat, sondern lediglich (in der Werbung etc.) adressiert und aufgerufen werden kann. In der bürgerlichen Öffentlichkeit hält sich insofern die Ambivalenz, die für das Tabu charakteristisch ist: In der Dunkelheit des Kinos sind sexuelle Akte öffentlich darstellbar, am FKK-Strand ist man zwar am helllichten Tag nackt, begegnet sich jedoch nicht sexuell etc. Die Öffentlichkeit der neuen deutschen Massen-Bordelle kann zwar in Talkshows verhandelt werden, scheint aber selbst eher Teil einer Subkultur und insofern Teil einer Quasi-Öffentlichkeit oder Halbwelt zu sein. Auf RTL wiederum kann man den sexuellen Akt zwar direkt öffentlich ansprechen – man benötigt dazu aber zumindest eine Person als Gegenüber, die es gleichwohl nicht gehört haben will.


6. Was es heißt, das Spiel zu verstehen (II)
Tabus oder offene Geheimnisse erfordern die ambivalente Rede von Sagen und Nicht-Sagen, die George Orwell in seinem Roman 1984 so brillant an dem Sprachgebrauch von Diktaturen aufgezeigt hat.[17] Was sich nicht unumwunden offen ansprechen lässt, ist – ich wiederhole mich – so ähnlich wie der intime Bereich des Sexuellen. Darin zeigt sich eine strukturelle Übereinstimmung zwischen dem Bereich des sexuell Tabuisierten und dem Bereich der politisch repressiven Macht, die bestehen bleibt, auch wenn Sexualität oder der Sex selbst vielleicht gar nicht (länger – wie in der Welt der Kinder) gegen den Willen (je)des Einzelnen unterdrückt werden.
Wer an ein Tabu oder offenes Geheimnis gebunden ist und wer nicht, erweist sich im sprachlichen Umgang und ist abhängig vom jeweiligen Status der Personen. Wer die Macht hat, spricht nicht darüber und zeigt es nicht, weil er das Tabu, an das er selbst nicht vollständig gebunden ist, erhalten will (Bohlen). Wer die Macht haben möchte, spricht das Tabuisierte offen aus, um die Spielregeln in seinem Sinne zu verändern (Kay). Wer die Macht hingegen weder hat, noch im gegebenen Kontext erlangen kann, der hat u.a. die Möglichkeit, sich wie ein Kind zu verhalten, das noch gar nicht verstehen kann, was die Erwachsenen da sagen: Damit wahrt er sein Gesicht und hält die spielerische Ambivalenz des Tabus aufrecht (Katz; Rosenberg wählt eine etwas andere Strategie). An seinem – durchaus intelligenten – Verhalten wird deutlich, dass der Gesichtsverlust schlimmer sein kann als der Maulkorb des Tabus. Auf RTL ist wahrscheinlich nicht der Sex tabuisiert. Es wird jedoch aufs Deutlichste inszeniert, dass im inszenierten Rahmen für Frauen und Männer unterschiedliche Normen gelten: und dies – also das Geschlechterverhältnis – ist tendenziell tabu (in diesem Kontext selbst nicht sag- oder verhandelbar).
Am Thema Sex wird insofern deutlich, wer in einer bestimmten gesellschaftlichen Konstellation das Sagen hat und wer nicht. So sind es schließlich Fragen der Macht, über die man sich Gedanken machen kann, wenn sich jemand im öffentlichen Raum als mundtot erweist. Am Spiel von Tabuisierung und Enttabuisierung lassen sich Machtverhältnisse analysieren, die gesellschaftlich heterogen sind und unablässig bearbeitet werden. Die Analyse ist jeweils wiederum selbst Teil dieses Prozesses.

8.4.2014

Ute Frietsch Studium der Philosophie, Germanistik und Romanistik an der Universität Tübingen. 2002 Promotion zu Michel Foucaults Kritik der Humanwissenschaften und Evelyn Fox Kellers Kritik der Naturwissenschaften an der Freien Universität Berlin und an der Université de Paris 8. Habilitation mit einer Untersuchung zur Kultur- und Wissensgeschichte der paracelsischen Alchemie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2009 Privatdozentin ebendort, seit 2010 arbeitet sie am Forschungsschwerpunkt Historische Kulturwissenschaften der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

 

Anmerkungen


[1] Vgl.: Bourdieu, Pierre: Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1998, S. 167. Pierre Bourdieu behandelt das offene Geheimnis im Rahmen seiner „Ökonomie der symbolischen Güter“.

[2] Vgl.: Kant, Immanuel: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. Vorrede. In: Werkausgabe. Bd. 12: Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik 2. Hg. von Wilhelm Weischedel. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1995, S. 399-402, S. 400.

[3] Vgl. dazu meine früheren Reflexionen zum Thema: Frietsch, Ute: Der Wille zum Tabu als Wille zum Wissen. In: Frietsch, Ute (u.a.) (Hg.): Geschlecht als Tabu. Orte, Dynamiken und Funktionen der De/Thematisierung von Geschlecht. Bielefeld: transcript 2008 (= Gender Codes. Transkriptionen zwischen Wissen und Geschlecht), S. 9-16.

[4] Vgl.: N.N.: DSDS 2014: Tobias Ebenbergers Papagei Kito „kackt“ Jurorin Mieze voll. http://www.rtl.de/cms/sendungen/superstar/dsds-news/dsds-2014-tobias-ebenbergers-papagei-kito-kackt-jurorin-mieze-voll-376ad-918a-10-1793815.html (11.2.2014).

[5] „Homosozial“ ist nicht gleichbedeutend mit „homosexuell“. Unter einer homosozialen Gemeinschaft versteht man eine Gemeinschaft, in der eine Geschlechtsgruppe unter sich ist. In einer heterosozialen Gemeinschaft begegnen sich Angehörige beider bzw. mehrerer Geschlechter.

[6] Vgl.: Foucault, Michel: Sexualität und Wahrheit. Bd. 1: Der Wille zum Wissen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1989.

[7] Michel Foucault gebrauchte für diesen Zusammenhang den Begriff „Monosexualität“, der sich wiederum von „Homosexualität“, aber auch von „Homosozialität“ unterscheidet. Vgl.: Foucault, Michel: Das wahre Geschlecht. In: Foucault, Michel: Herculine Barbin. Über Hermaphrodismus. Hg. von Wolfgang Schäffner und Joseph Vogl. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1998.

[8] Algazi, Gadi: Eine gelernte Lebensweise: Figurationen des Gelehrtenlebens zwischen Mittelalter und der Frühen Neuzeit. In: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 2 (2007), S. 107-118.

[9] Vgl. dazu das Statement eines Geisteswissenschaftlers im Zuge seiner Emeritierung: Trabant, Jürgen: Jan und Hein und Klaas und Pit. http://www.gegenworte.org/heft-12/trabant-probe.html (7.4.2014).

[10] Vgl.: Hirschauer, Stefan: Das Vergessen des Geschlechts. Zur Praxeologie einer Kategorie sozialer Ordnung. In: Heintz, Bettina (Hg.): Geschlechtersoziologie. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2001, S. 208-235.

[11] Für den Bereich der Politik vgl.: Knaut, Annette: Frauen im Deutschen Bundestag. Indizien und Funktion der Tabuisierung von Exklusion. In: Frietsch, Ute (u.a.) (Hg.). Geschlecht als Tabu, S. 63-77.

[12] Vgl. Freud, Sigmund: Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker. Hg. von Hugo Heller. Wien: Hugo Heller 1913.

[13] Vgl. Berkel, Irene: Die Erosion des Inzestverbots. In: Berkel, Irene (Hg.): Postsexualität. Zur Transformation des Begehrens. Gießen: Psychosozial-Verlag 2009, S. 87-104.

[14] Zur Entgegensetzung von Aufklärung und Tabu in der Psychoanalyse Freuds vgl.: Frietsch, Ute: Der Wille zum Tabu als Wille zum Wissen.

[15] Vgl. die Analysen in: von Braun, Christina / Mathes, Bettina: Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der Westen. Berlin: Aufbauverlag 2007; Dennerlein, Bettina / Frietsch, Elke / Steffen, Therese (Hg.): Verschleierter Orient – Entschleierter Okzident? (Un)Sichtbarkeit in Politik, Recht, Kunst und Kultur seit dem 19. Jahrhundert. Paderborn: Wilhelm Fink Verlag, 2012.

[16] Vgl. die Ausführungen zu „hate speech”, Pornographie, Homophobie und Zensur in: Butler, Judith: Hass spricht. Zur Poltik des Performativen. Berlin: Berlin Verlag 1998.

[17] Orwell, George: 1984. A Novel by George Orwell. With an Afterword by Erich Fromm. New York: New American Library 1981.


 

ZITIERWEISE
Frietsch, Ute: Geschlecht als Tabu. https://jelinektabu.univie.ac.at/tabu/tabu-geschlecht/ute-frietsch/ (Datum der Einsichtnahme) (= TABU: Bruch. Überschreitungen von Künstlerinnen. Interkulturelles Wissenschaftsportal der Forschungsplattform Elfriede Jelinek).


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