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Dieser Beitrag entstand für die Veranstaltung TABU: Bruch. Überschreitungen von Künstlerinnen am 14.1.2014 im Literaturhaus Wien, an der auch Seher Çakir und Julya Rabinowich teilnahmen, und wurde dabei von der Autorin selbst gelesen.
Im Anschluss an die Lesung fand ein Gespräch zwischen den drei Autorinnen, moderiert von Pia Janke, statt. 
Die Beiträge der beiden anderen Autorinnen:

Sabine Gruber (Wien, Österreich): 

Tabu or not tabu

Julya Rabinowich (Wien, Österreich):
Tabu.Brüche
Das Tabu ist das Tabu ist das Tabu

Seher Çakir

Tabu

Seher Çakir bei der Veranstaltung am 14.1.2014 im Literaturhaus Wien

Was im übertragenen Sinne gestern Gültigkeit hatte, kann heute seine Gültigkeit verloren haben. Tabus werden gebrochen. 
War es bis gestern in der Türkei ein Tabu, zum Beispiel den Staatsgründer Atatürk zu kritisieren, ist es heute weniger problematisch, so scheint es, da die derzeitige Regierung mit der Kritik einverstanden ist. Dafür waren und sind Kritik an der Religion und Hinterfragen religiöser Vorschriften weiterhin tabu. Tabus ändern sich, wie in jeder Gesellschaft, auch in der türkischen. Einige Tabus aber sind nach wie vor gültig und werden vermutlich noch einige Jahr(hunderte) ihre Gültigkeit nicht verlieren.
Ein großes Tabuthema für die türkische Mehrheitsgesellschaft ist die Sexualität und alles, was damit einhergeht. Vor allem in ruralen Gebieten gilt dieses Tabu. Aber auch in den Städten wird Sexualität wieder zum Tabuthema. Zu beobachten war es bei der Diskussion, die vor einigen Monaten in der Türkei aktuell wurde. Es wird und wurde hitzig darüber diskutiert, die gemischtgeschlechtlichen Studentenheime beziehungsweise Wohngemeinschaften zu verbieten. Der Grund: es könnte ja „etwas passieren“! Sex könnte passieren! Und das ist schlimm, wenn es einer Frau „passiert“, und sie ist nicht verheiratet! Daher gilt es dem vorzubeugen. Mit der getrennt geschlechtlichen Wohngemeinschaft, den Studentenheimen hofft man, dem entgegen wirken zu können. Denn die Sexualität gehört nur verheirateten Paaren. 
Mehrheitlich in den ruralen Gebieten gilt: Die Frau ist der Besitztum, zuerst der Eltern und dann ihres Mannes. Sie repräsentiert die Ehre. Die Ehre zeigt sich darin, dass sie bis zur Ehe jungfräulich bleibt. Sprich: Die Ehre der Familie, der Frau selbst, befindet sich zwischen ihren Beinen. Sie muss diese Ehre schützen und verteidigen. Schafft sie es nicht, sagen wir, weil sie im schlimmsten Fall einer Vergewaltigung zum Opfer fällt, ist es ihre Schuld. Denn sie ist diejenige, die ihre Aufgabe nicht zur Zufriedenheit der Gesellschaft erfüllt hat. Vermutlich hat sie provoziert. Die Ehre muss wieder hergestellt werden. Dies geschieht, in dem man die Frau, das Vergewaltigungsopfer, eliminiert. Da kommen dann die männlichen Familienmitglieder zum Einsatz. Wenn das passiert ist, kann es zu Strafmilderung kommen, da die Ehre verteidigt wurde. Diese Morde werden dann Ehrenmorde genannt. 
Es ist gang und gäbe, dass Frauen zur Jungfräulichkeitskontrolle gezwungen werden, dass Frauen sich vor Eheschließung revirginalisieren lassen, wenn sie die dazu notwendigen Infrastrukturen haben. Vor allem Auslandstürkinnen (aber nicht nur) nehmen dieses medizinische „Angebot“ wahr.

Neben der Sexualität der Frau ist die Homosexualität in der türkischen Mehrheitsgesellschaft stark tabuisiert. Natürlich gibt es, wie in jeder Gesellschaft, Gruppierungen, die diese Tabus nicht beachten beziehungsweise brechen. So auch in der Türkei.
Homosexualität ist ein weltweit stark verbreitetes Tabu. Auch wenn in einigen wenigen Län-dern dieser Erde Liebende sich, ohne in Lebensgefahr zu begehen, outen, ihre Liebe zeigen, heiraten oder eine eingetragene Partnerschaft haben können. Es sind wenige Länder, in denen dies der Fall ist, die erkannt haben, dass es niemanden angeht, wer mit wem in welcher Posi-tion was betreibt, wenn das Treiben einvernehmlich ist. 
Die Türkei ist, per Gesetz, ein sehr homosexuellenfreundliches Land, denn es gibt kein Gesetz, das die Homosexualität verbietet. Dass die Gesellschaft umso vehementer Homosexualität tabuisiert, zeigt sich darin, dass jährlich mehrere Menschen getötet werden, weil sie sich offen zu ihrer Sexualität bekennen. 
Daher wundert es nicht, dass es in einem Land mit knapp 80 Millionen Menschen eine einzige weibliche Person aus dem öffentlichen Leben sich offen zu ihrer Homosexualität bekennt. Die in der Türkei berühmte Architektin Güner Kuban, welche viele Jahre im Ausland gelebt hat, steht offen zu ihrer Homosexualität. 
Bei den männlichen Homosexuellen schaut die Lage eine Spur besser aus. Immerhin: Zwei Autoren, die offen über ihre Sexualität sprechen und diese ausleben können, existieren in der Türkei. Der Autor Murathan Mungan und der Dichter Kücük Iskender. 
Generell ist es in der Türkei gesünder, die Sexualität homo oder hetero geheim zu halten. Denn auch eine außereheliche sexuelle Aktivität ist nicht gewünscht. Kurz: Wem sein Leben kostbar ist, der hält den Mund!
Diejenigen, die zu ihrer sexuellen Identität stehen, leben kurz. Immer wieder liest man in den türkischen Zeitungen, dass junge Menschen, meistens männlich, von ihren Eltern, Geschwistern, Nachbarn oder auch Fremden umgebracht, gesteinigt, niedergestochen werden, weil sie „offen“ homosexuell sind. „Hassmord“, wie die türkische Sprache diese Morde nennt. Wie bei den „Ehrenmorden“ gibt es auch hier eine Art „Begnadigung“, „Strafminderung“, weil der Mörder „schwerer Provokation“ ausgeliefert war. 
Verfolgung, Gewalt durch die Familie, durch den Staat (Polizeigewalt), Verlust der Arbeit, Diskriminierung, Identitätsleugnung, Zwang zur Prostitution sind einige Folgen des Outings. Denn in der Türkei gibt es „keine“ LGBT (Lesbian-, Gay-, Bi-, Transsexuals), so die mehrheitliche Einstellung. Diejenigen, die doch existieren, sind krank, das ist die Meinung der „Gut meinenden“, und diese gehört es zu therapieren. 
Das ist der gesellschaftliche Aspekt. Der Islam, die Mehrheitsreligion in der Türkei, verbietet wie die anderen zwei großen monotheistischen Religionen die Homosexualität gänzlich, auch wenn dies im Koran nicht fest geschrieben steht. 
In der Kunst mit all ihren Facetten, in der Literatur ist es die Aufgabe, dieses Thema aufzugreifen, in Geschichten aufzuzeigen und dies als Teil des Lebens sichtbar zu machen.
In meinen Geschichten greife ich diese Themen, Frauensexualität, Sexualität und Homosexualität, auf. Auch auf die Gefahr hin, dass selten, aber doch, ZuhörerInnen den Saal verlassen. Das ist bisher die schlimmste Sanktion für mich gewesen, die mir in Österreich passiert ist. 
Für mich sind Themen, die nicht den Normvorstellungen der Mehrheitsgesellschaft gefallen, zu behandeln, Pflicht. Auch Autorinnen in der Türkei nehmen sich dieses Themas an. Eine davon ist Perihan Magden, die sich in ihrem Buch iki genc kizin romani – Der Roman von zwei jungen Frauen des Themas der Homosexualität angenommen hat. Die Protagonistin Behiye ist homosexuell. Die Kritiken in den Foren zeigen auf, wie schwer es ist, sich diesem Thema zu widmen.

Frau Magdens Buch wird, zumindest in den Foren, in der Luft zerrissen. 
Im Vergleich zur Türkei sieht es in Österreich etwas besser aus. Zumindest in den Städten. Es ist nicht so schwer wie vor ein paar Jahrzehnten für einen LGBT, nach meiner Wahrnehmung, zu sich zu stehen. Auch wenn es noch immer nicht so weit ist, dass es niemanden etwas angeht, wer mit wem in der Kiste landet. Diskriminierung und Mobbing sind auch für homosexuelle Menschen in Österreich nicht außergewöhnlich. Zwar gibt es Antidiskriminierungsgesetze, viele Organisationen, die einem Unterstützung bieten, aber das Leben kann auch hier für einen LGBT schwer sein. Auch wenn es so aussieht, als ob es nicht tabu wäre. Es gibt immer noch LehrerInnen, die sich weigern, dieses Thema in ihren Unterricht einzubauen. Auch wenn Österreich zu den wenigen Ländern gehört, die die homosexuelle Partnerschaft eintragen lässt, ein Tabu scheint das Thema weiterhin zu sein.

Ob eine ParlamentarierIn, eine SchauspielerIn oder welches öffentliche Amt man bekleidet, es ist in Österreich möglich, sich offen zu ihrer/seiner Homosexualität zu bekennen. Zumindest ist es gesetzlich verboten, einem den Job zu kündigen, weil sie/er LGBT ist. Nicht so in der Türkei. Da muss die/der Arbeitgeber/in sich nicht einmal die Mühe machen, eine Ausrede zu finden. Sie/Er darf Ihnen kündigen, weil Sie lesbisch/schwul, transsexuell sind. 

20.1.2014

Seher Çakir, geboren in Istanbul, lebt seit ihrem 12. Lebensjahr in Wien. Mitbegründerin der zweisprachigen Zeitung Öneri. Zahlreiche Publikationen, u.a. in der Anthologie Eure Sprache ist nicht meine Sprache (2002), Gedichtband Mittwochgedichte (2004), 2005 Preisträgerin des Literaturwettbewerbs „schreiben zwischen den kulturen“. Mitarbeiterin bei Radio Orange 82006), 2007/2009 Stipendiatin Wiener Wortstätten, 2008/2009 Staatsstipendiatin. 

 


ZITIERWEISE
Çakir, Seher: Tabu. https://jelinektabu.univie.ac.at/tabu/tabu-geschlecht-kunst/seher-cakir/ (Datum der Einsichtnahme) (= TABU: Bruch. Überschreitungen von Künstlerinnen. Interkulturelles Wissenschaftsportal der Forschungsplattform Elfriede Jelinek).


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