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Hartmut Schröder

Der Tabu-Komplex – Kultursemiotische Überlegungen

„Oft sagt man etwas anderes, wenn man etwas anders sagt – vielleicht sogar immer.“[1]


Der Tabubegriff

Der Begriff Tabu ist sehr komplex und nur schwer zu definieren. Sein Gebrauch ist uneinheitlich, aber dennoch (vielleicht auch gerade deswegen) in der Sprache der Medien hoch frequent und vage zugleich. Ungeachtet dieser Schwierigkeiten scheint es in der Forschung einen gewissen Konsens zu geben, dass sich Tabus in modernen Gesellschaften von direkten Verboten unterscheiden und durch folgende Merkmale und Funktionen gekennzeichnet werden:

  1. Sie sind Teil der negativen Konventionen, die stark affektiv geladen sind, weil sie tief verwurzelte und nicht hinterfragbare Normen und Werte einer Kultur betreffen.
  2. Sie markieren Grenzen des Handelns, Redens und Denkens, ohne das zu Meidende direkt und explizit benennen zu müssen.
  3. Sie verdecken wunde Punkte bzw. potentiell Schmerzhaftes einer Gemeinschaft, sichern die Überlebensfähigkeit des Einzelnen und der Gruppe.
  4. Durch Vereinfachung regeln sie das soziale Zusammenleben, machen bestimmte Auseinandersetzungen überflüssig und verhindern soziale Konflikte.
  5. Sie stellen einen Bewältigungsmechanismus zur Schaffung von individueller und kollektiver Identität dar.
  6. Bei der Verletzung von Tabus drohen dem Betroffenen Ausschluss aus der Gemeinschaft bzw. andere soziale Sanktionsmechanismen der Ächtung, Isolierung und negativen Kennzeichnung.
  7. Primäre Quelle von Tabus sind Scham und Angst.
  8. Tabus erfüllen eine wichtige Entlastungsfunktion für jede Gemeinschaft; denn keine Gemeinschaft kann alles explizit regeln bzw. verbieten, was unterlassen werden soll. Bestimmte Dinge sollten sich von selbst verstehen, müssen nicht begründet und dürfen nicht hinterfragt werden.
  9. Tabus greifen oft besser als direkte Verbote, da sie den Beteiligten als etwas ganz Selbstverständliches erscheinen und als stark verinnerlicht gelten können.
  10. Tabus werden sprachlich und/oder durch andere Zeichensysteme markiert.

Ausgehend von einem solchen Verständnis des Tabus kann angenommen werden, dass jede Gesellschaft auch durch Tabus reguliert wird: „Es gibt keine Kultur auf der Welt, in der alles erlaubt ist. Und wir wissen seit langem ganz genau, dass der Mensch nicht mit der Freiheit, sondern mit der Grenze und der Scheidelinie des Unübertretbaren beginnt“[2].


Das Tabu als semiotisches Paradox


Tabus stellen – semiotisch betrachtet – ein Paradox dar: Sie markieren etwas, was eigentlich gar nicht oder nur unter Einhaltung bestimmter Bedingungen kommuniziert werden soll. Eine Markierung realisieren sie sowohl durch Auslassung, wobei die Leerstelle selbst das Zeichen ist, als auch durch Euphemismen und andere Ersatzmittel bzw. durch Umgehungsstrategien, die als Modifikatoren der Vorstellungsträger ebenfalls ein semiotisches Paradox darstellen; denn als Zeichen stehen diese für etwas, was eigentlich nicht bezeichnet werden soll, d.h., sowohl Denotation als auch Konnotation sollen vermieden werden. Als Beispiel führt Pieper folgende Geschichte an:
Auf dem Gutshof hatte eine Gans die Großmutter, eine Gutsherrin alter Schule, in jenen Körperteil gebissen, den sie zwar weder „besaß“ oder bezeichnen konnte, gleichwohl aber zum Sitzen benutzte. Der Enkel, der um diese Problematik wusste und zudem den Zwischenfall be­ob­achtet hatte, konnte die Geschichte einfach nicht für sich behalten und berichtete beim Abendessen, eine Gans habe die Großmutter in die Wa­de gebissen, denn diese war für ihn der nächstgelegene nicht tabuisierte Körperteil. Die Großmutter wollte diese „Lüge“ korrigieren, sie sagte: „Das stimmt doch gar nicht, die Gans hat mich“ – und erstarrte. Nie­mand erfuhr jemals, wohin die Gans nun wirklich gebissen hatte.
Das Beispiel zeigt, „dass eine Kommunikation, die sowohl Denotation als auch Konnotation vermeiden will, keine Kommunikation ist“[4], was auf die Großmutter zutrifft, nicht aber auf den Enkel, der ja durch eine Ersatzstrategie sehr wohl kommunizierte.
Tabus können in sprachlicher Hinsicht auf der einen Seite durch komplette Auslassungen realisiert und somit in den Bereich des Schweigens eingeordnet werden, auf der anderen Seite gehen sie durch bestimmte Umgehungsstrategien über das Schweigen hinaus. Tabus als Leerstellen in der Kommunikation kann man in Anlehnung an Jakobson zu den „Nullzeichen“ zählen.[5] Mit dem Begriff des Nullzeichens bezog sich Jakobson ursprünglich auf semantische und grammatische Formen, die aufgrund ihrer Markiertheit (z.B. Katze, markiert: Kater) oder aufgrund des Weglassens einer Endsilbe (z.B. Freund/Freundin) sowie auf der syntaktischen Ebene durch eine Ellipse eine besondere Bedeutung erhalten. Später wurde dieser Begriff auf das Schweigen und andere semiotische Bereiche übertragen. Solche Nullzeichen können unter bestimmten Bedingungen in der Kommunikation eine Bezeichnungsfunktion übernehmen, da die Weglassung selbst eine Markierung ist. Eine semantische Leerstelle – so Barthes[6] – kann durch ein Nullzeichen gefüllt werden, wenn dieses trotz des Fehlens eines expliziten Signifikanten dennoch wie ein Signifikant funktioniert.[7]
Reblin, die den Begriff des Nullzeichens auf die Architektur übertragen hat, bringt die Problematik des Zeichenstatus zutreffend auf den Nenner: „Wenn aber ein materieller Zeichenträger nur negativ, als Unterbrechung oder Abwesenheit in einem Kontext definiert wird, kann von einer stabilen Zeichenfunktion Ausdruck-Inhalt (wie sie noch Barthes Definition suggeriert) nicht die Rede sein. Dennoch können die individuellen Leerstellen in ihrer zeitlichen und räumlichen Einbindung bedeutungsvoll werden“[8]. Als Beispiel für Leerstellen in der Architektur nennt Reblin Lücken im Stadtbild, mit denen sie sich ausführlich beschäftigt.
Durch Schweigen, Verschweigen und Verhüllen verursachte Leerstellen in der Kommunikation sind multifunktional, sodass ihnen bisweilen sogar gegensätzliche Bedeutungen beigemessen werden können. Was das Schweigen betrifft, so geht Jaworski, der die pragmatische Funktion des Schweigens in unterschiedlichen Kulturen untersucht, davon aus, dass para- und nonverbale Aspekte der Kommunikation in den meisten Fällen bedeutsamer für die Gestaltung des Beziehungsaspektes sind als verbale Äußerungen.[9] Er unterscheidet folgende Funktionen des Schweigens:

  1. Verküpfungsfunktion („linkage function“): Schweigen kann zwei oder mehr Personen miteinander verbinden oder sie voneinander trennen.
  2. Affektfunktion („affecting function“): Schweigen kann auf Dauer Gefühle verletzen oder emotionale Verletzungen heilen.
  3. Enthüllungsfunktion („revelation function“): Schweigen kann dazu beitragen, etwas über die eigene Person auszusagen, oder es kann dazu beitragen, Informationen über die eigene Person anderen Personen vorzuenthalten.
  4. Beurteilungsfunktion („judgemental function“): Schweigen kann Zustimmung und Gefallen, aber auch Widerspruch und Missgunst ausdrücken.
  5. Aktivitätsfunktion („activating function“): Schweigen kann ein Zeichen höchster gedanklicher Konzentration, aber auch geistiger Abwesenheit sein.

Bis auf die letzte Funktion lassen sich alle Funktionen des Schweigens auch auf die Tabuproblematik übertragen. Dabei wird deutlich, dass Tabus und Tabuverletzungen immer kontextabhängig sind. Doch sind Schweigen und Tabus nicht einfach gleichzusetzen: Neben Schweigen und Verschweigen tritt nämlich als besonders interessante Variante der Unterlassungskommunikation die „Kaschierung durch Worte“[10] hinzu. Tabus stellen zwar einerseits die Kehrseite des öffentlichen Diskurses dar, d.h. sie umfassen das, was nicht öffentlich wird und ausgegrenzt bleibt bzw. das, was ins Private verbannt und geheim gehalten wird. Andererseits weisen Tabus aber über das bloße Schweigen hinaus, da sie in vielen Fällen auch Ersatzmittel für die Kommunikation bereitstellen, sodass durchaus von Tabudiskursen die Rede sein kann.
Schweigen und Verschweigen können unterschiedlich motiviert sein – Tabus und Tabuisierungen hingegen sind immer ein ausgesprochenes Herrschaftsmittel, durch das soziale und politische Kontrolle ausgeübt wird. Wo Tabus existieren, wird nicht nur geschwiegen, sondern auch verdrängt, manipuliert und Sprachlenkung betrieben.[11]
Tabus bedeuten „gehorchen ohne zu fragen“[12], wie es Rudas aus sozialpsychologischer Sicht formuliert hat: „Ihre Funktion ist die von Vorurteilsgewissheiten. Magisch orientierte Gesellschaften haben Berührungsverbote hinsichtlich Gegenständen, die heilig oder unrein, jedenfalls aber unberührbar sind. Modernere (scheinbar) weniger magisch orientierte Gesellschaften können dieses Phänomen gegenüber Themen und Inhalten entwickeln“[13].


Der Tabukomplex: Tabu, Tabubruch, Enttabuisierung


Die Tabuproblematik erschöpft sich aber nicht in Auslassungen und Umgehungsstrategien, vielmehr besteht der Tabukomplex einerseits aus dem Tabu bzw. der Tabuisierung, d.h. dem Festlegen von Tabuschranken, sowie andererseits aus der Tabuverletzung bzw. der Tabuüberschreitung und reicht hin bis zur Aufhebung von Tabus bzw. Enttabuisierung. Tabuverletzungen sind ohne Tabus nicht denkbar; andersherum wären Tabus ohne die Gefahr der möglichen Tabuüberschreitung nicht erforderlich. Zum Tabukomplex gehören immer auch Euphemismen und Umgehungsstrategien, die Kommunikation über das Unerwünschte und das Unaussprechliche möglich machen, ohne die Tabus selbst in Frage zu stellen. Auf diese Art und Weise kann etwas zugleich thematisiert werden und doch tabuisiert bleiben. Gerade durch das Wechselspiel von Tabuisieren und Umgehen sowie In-Frage-Stellen ist es in der Kunst und der Literatur sowie im Theater möglich, das eigentlich zu Meidende sowohl zu fokussieren als auch als Tabu zu markieren. Herford und Kröger sehen in diesem Zusammenhang Tabus in der Kunst als „Messstationen für kulturelle Selbstzwänge wie auch Frühwarnstationen gesellschaftlicher Entwicklungen, die sich nur so und nicht anders – in Form von artikulierten Tabuverletzungen – kaum merkbar machen können“[14]. Im „Operieren mit und Kalkulieren von Tabus“[15] verorten sie eine „ästhetische Verfahrensweise der Moderne“ und nennen als Desiderat „eine interdisziplinäre ästhetische Theorie und Geschichte des Tabus“ sowie „eine eigene, spezifisch performative Ästhetik des Tabubruchs“[16]. Den Tabukomplex fassen sie insgesamt wie folgt:

[D]urch die Verletzung des Tabus [wird] eine Wahrnehmung von Tabus innerhalb der Gesellschaft [...] ermöglich[t]. [...] Das Aussprechen eines Tabus ist so doppeldeutig: es grenzt das Objekt aus der Sprache aus und hinterlässt im Bewusstsein einen Nicht-Ort, eine Art gefühlte Abwesenheit. Das Schweigen, mit dem Tabu wirkt, ist dabei zugleich die Macht desjenigen, der die Zeit und die Art und Weise bestimmt, mit der das Gebot formuliert wird.[17]

In diesem Zusammenhang ist es müßig, danach zu fragen, ob wir Tabus überhaupt brauchen und ob Tabus sinnvoll sind oder nicht. Selbst die Forderung nach absoluter Tabufreiheit wäre, ganz egal wie sie begründet wird, ja wieder nur ein neues Tabu

[…] und nicht einmal ein menschenfreundliches. Ein Mensch ohne Tabus wäre ein Monstrum. Es gibt keine Gesellschaft ohne Tabus. Eine totale Enttabuierung würde menschliches Zusammenleben zum Verschwinden bringen. Ein Tabu kann durch ein anderes ersetzt werden, auch negative und positive Umpolungen sind möglich; aber man kann die Tabus nicht aus dem Leben der Menschen entfernen.[18]

Freilich können Tabus die Entwicklungsfähigkeit einer Gesellschaft gefährden, wenn sie zu starr sind und notwendige Wandlungsprozesse verhindern. Nicht die Frage, ob wir Tabus brauchen, sondern welche und welche nicht, wer sie setzt, wem sie nutzen und wie wir die notwendige Dynamik zwischen Tabuisierung und Enttabuisierung bekommen, ist zu stellen. Wer bricht bzw. verletzt Tabus? Wer setzt neue Tabus? Mit welcher Legitimation? Und in welchen Geltungsbereichen?


Zwölf Thesen zur Tabuverletzung


  1. Tabus sind kontextsensibel, sie sind aufhebbar und gelten (bis auf wenige Ausnahmen) nicht absolut.
  2. Tabubrüche geschehen nicht zufällig, sondern haben eine Funktion für die jeweilige Gemeinschaft.
  3. Tabus und Tabubrüche sind Seismographen gesellschaftlicher Entwicklungen.
  4. Zu unterscheiden sind individuelle und kollektive Tabuverletzungen sowie permanente und temporäre Tabuüberschreitungen.
  5. In bestimmten Tabubereichen kommt es zu ritualisierten bzw. institutionalisierten Tabuüberschreitungen, die als temporäre Tabuaufhebungen zu verstehen sind.
  6. In jeder Gemeinschaft gibt es eine Vielzahl von Kontexten/Situationen, die Tabubrüche bzw. Tabuaufhebungen ermöglichen. Zu unterscheiden ist zwischen Tabubruch, Enttabuisierung und temporärer Tabuaufhebung in Verbindung mit einer Tabuverletzung.
  7. Temporäre Tabuaufhebungen stehen im Zusammenhang mit institutionalisierten bzw. ritualisierten Tabuverletzungen. Diese bedeuten nicht die absolute Aufhebung des Tabus, sondern sie setzen nur zeitweise einen Sanktionsmechanismus außer Kraft.
  8. Temporäre Tabuaufhebungen gibt es nicht nur im Zusammenhang mit „karnevalesken Situationen“, sondern auch in anderen Sondersituationen: Wissenschaftsdiskurse, Arzt-Patient-Kommunikation, Gerichtskommunikation, allgemeine Notsituationen und gesellschaftliche Umbruchsituationen, Witz und Satire, Flüche, Religion, Medienstrategien (Talk-Shows und Werbung) sowie schließlich in Literatur, Kunst und Theater.
  9. Karnevaleske Tabuverletzungen werden durch spezifische sprachliche und nonverbale Zeichen markiert. Bei Bachtin ist das Karnevaleske die „umgestülpte Welt“[19], die durch bestimmte Merkmale kontextualisiert wird: Tänze und Spiele, Maskerade, Verwendung von Symbolen, Narrensprache (Büttenrede, Dialekt), Verwendung von Drogen (Alkohol), Festumzüge (Rosenmontag und Motiv des Überflusses), Initiationsriten (11. November, Aschermittwoch) bis hin zu bestimmten Reinigungsritualen.[20]
  10. Das Karnevaleske schützt bestimmte Tabubereiche und konstituiert eigene Tabus. Es führt nicht nur zu temporären Tabuaufhebungen, sondern lässt einige Tabubereiche unangetastet bzw. schafft spezifische Tabus für die (karnevaleske) Situation.[21] Tabuisiert bleiben schließlich auch der tote Körper (Leichen) sowie die substanziellen politisch-wirtschaftlichen Interessen und gesellschaftlichen Schutzbereiche.
  11. Die Umkehrung der Sitten in karnevalesken Situationen (Ernst, Unernst) führt dazu, dass das ansonsten Normale unnormal wird, die Maskerade das Normale ist und das Fehlen der Maskerade gerade eine Tabuverletzung darstellt.
  12. Die Funktion ritualisierter und institutionalisierter Tabuverletzungen besteht darin, dass sie als Teil des Regelsystems die Verletzung geradezu markiert, als Ventil aber zur Ablassung des Druckes dient und damit das Tabu selbst dauerhaft stärkt.

Der Tabudiskus: Semiotische Mittel des Tabubruchs

Der Tabudiskurs ermöglicht, dass in bestimmten Situationen auch über tabuisierte Handlungen kommuniziert werden kann (evtl. sogar muss)[22], allerdings in einer ganz besonderen Art und Weise, die nicht selber eine (unzulässige) Tabuverletzung mit sich bringt. Umgehungsstrategien bieten den Sprechenden Möglichkeiten, über das eigentlich nicht Aussprechbare zu kommunizieren, und liegen zwischen den Polen eines völlig transparenten Diskurses und eines totalen Kommunikationsverbots.[23] Für Tabudiskurse stehen in den einzelnen Sprachen verschiedene kommunikative Strategien und ein reichhaltiges sprachliches Repertoire zur Verfügung, das zum Teil bereits durch die (alte) vergleichende Sprachwissenschaft als auch durch die (moderne) angewandte Linguistik untersucht wurde. Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen ist ein rhetorisches Kommunikationsmodell[24], in dem Sprachtabus im Kontext der jeweiligen Kommunikationssituation betrachtet werden.
Die verschiedenen Vertextungsebenen, die in Tabudiskursen eine Rolle spielen, sind neben der „Elocutio“, die im Mittelpunkt des Interesses für Sprachtabus stehen, die „Inventio“ sowie die „Actio“ und „Pronuntiatio“, die ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Was die Inventio betrifft, so besteht die radikalste Form der Tabuisierung im Schweigen bzw. in den sogenannten Null-Euphemismen, die aber nach Luchtenberg durchaus „noch sprachliche Mittel [sind], nämlich dann, wenn die Verschleierung im Auslassen (statt Ersetzen) bestimmter Worte oder Ausdrücke besteht, oder Pünktchen an der Stelle von Wörtern treten“[25]. In der Rhetorik ist dieses Mittel als Gedankenfigur unter der Bezeichnung der „Aposiopese“ bekannt.
Was die Pronuntiatio und Actio betrifft, so sind hier Mittel der Ausführung durch Mimik, Gestik und Stimmqualität (in der mündlichen Rede) bzw. durch Typographie, Interpunktion und Bild (in der Schrift) zu nennen. Tabudiskurse zeichnen sich auch auf dieser Ebene durch bestimmte Merkmale aus, und es kann zum ungewollten Tabubruch kommen, wie das Beispiel der Redewiedergabe eines deutschen Bundestagspräsidenten in den 1980er Jahren zeigt, der mit einer inhaltlich nicht zu beanstandenden Äußerung durch eine unangemessene rhetorische Ausführung einen Skandal auslöste und sein Amt aufgeben musste. Bundestagspräsident Jenninger hatte damals bei einer Gedenkveranstaltung des Deutschen Bundestages zur sogenannten „Kristallnacht“ in seinen Zitaten von Zeitzeugen die Anführungsstriche in seinem Manuskript überlesen und so den Eindruck erweckt, dass er selber die Meinung vertrete, die er doch lediglich zitieren wollte. Ebenfalls zur Ebene der Actio gehören Tabugesten und Bilder, auf die ich hier aber nicht eingehen werde. Auf der Ebene der Elocutio sind von besonderer Bedeutung die Euphemismen[26] und die Metaphern[27], die durch zahlreiche andere rhetorische Mittel ergänzt werden. Allerdings muss in diesem Zusammenhang der Begriff der rhetorischen Mittel etwas relativiert werden. Baumgarten definiert rhetorische Mittel folgendermaßen: „Die rhetorischen Mittel beruhen in Wortwahl, Satzbau und Gedankenführung auf vorsätzlichen Abweichungen von der gewohnten Ausdrucksweise und von der Erwartung des Hörers.“[28] Dies betrifft ohne Zweifel solche Kommunikationssituationen, in denen eine bestimmte (zusätzliche) Wirkung erzielt werden soll, nicht aber Tabudiskurse, in denen die spezifische Wahl der rhetorischen Mittel gerade keine Abweichung darstellt, sondern der Erwartung des Hörers und eben der gewohnten Ausdrucksweise voll entspricht. Im Falle von Sprachtabus liegen klare Konventionalisierungen vor, die oftmals dem Sprechenden gar keinen Spielraum mehr lassen, wenn er sich nicht des Tabubruchs schuldig machen möchte. Diese Einschränkung des Begriffs der rhetorischen Mittel betrifft im Folgenden auch die Begriffe Tropen[29] und Figuren[30], für die hier nur stellvertretend einige Mittel genannt sein sollen, die in Tabudiskursen besonders frequent genutzt werden. Dies sind nach meinen bisherigen Untersuchungen vor allem:

  1. Die Allegorie (Tropus)
  2. Das bzw. der Anakoluth (Gedankenfigur)
  3. Die Antonomasie (Tropus)
  4. Die Aposiopese (Gedankenfigur)
  5. Die Ellipse (Wortfigur)
  6. Die Emphasis (Tropus)
  7. Das Epitheton ornans (Tropus)
  8. Das Homonym (Tropus), insbesondere die Katachrese
  9. Die Hyperbel (Tropus)
  10. Die Ironie (dissimulatio) (Tropus)
  11. Die Litotes (Tropus)
  12. Die Metonymie (Tropus)
  13. Das Oxymoron (Gedankenfigur)
  14. Die Parenthese (Wortfigur)
  15. Die Periphrase (Tropus)
  16. Die Synekdoche (Tropus)
  17. Das Synonym (Tropus)
  18. Der Vergleich (Tropus)

Einige der Figuren sind fast ausschließlich auf die gesprochene Sprache begrenzt, für die ergänzend als rhetorisches Mittel – mit einer gewissen Einschränkung – auch noch die Klangwirkung durch Onomatopoiia, d.h. Lautmalerei, genannt werden kann. Letztere können z.B. im Bereich der Andeutungen bei tabuisierten Körperfunktionen und Handlungen eine Rolle spielen. Havers geht davon aus, dass auch die Indogermanen ein Sprachtabu gekannt haben und belegt dies mit zahlreichen Beispielen, wozu er eine Typologie der Ersatzmittel aufstellt.[31] Er zeigt in seiner Arbeit, wie erfindungsreich Sprache bei der Bewältigung von Tabus ist. Wenngleich einige der bei ihm genannten Mittel auch nur noch auf historisches Sprachmaterial zutreffen, seien die wichtigsten hier doch kurz genannt, da sie auch in neueren Analysen benutzt werden (können). Havers nennt u.a. folgende Mittel, die über die aus der Rhetorik stammenden Tropen und Figuren hinausgehen:

  1. tabuistische Lautveränderungen („Verlängerung des Wortes durch Anhängung von Silben, Einfügen von Vokalen, Wortverkürzungen, Vertauschung von Silben, Ersatz von Lautbestandteilen durch andere.“[32])
  2. Entlehnungen („Beim Sprachtabu lässt sich immer wieder beobachten, dass alles, was in einheimischer Sprache der Zensur unterliegt, in fremder Sprache ohne Bedenken ausgesprochen werden darf.“[33])
  3. Antiphrasis (man sagt das Gegenteil von dem, was gemeint ist; Wunschnamen)
  4. stellvertretende Pronomen („Seiner Natur nach ist das Pronomen besonders geeignet, den Ersatz für ein tabuiertes Nomen zu übernehmen.“[34])
  5. euphemistische Kontaminationen (Wortkreuzungen)
  6. Sinnesstreckungen
  7. satzhafte Umschreibungen (Wunschsatz und umschreibender Relativsatz)
  8. die Captatio benevolentiae („Nach weitverbreitetem Glauben wird einem Worte die ihm anhaftende Gefährlichkeit dadurch genommen, dass man es mit einem Zusatz versieht, mit einem ehrenden Substantiv oder einem gefälligen, verbindlichen Adjektiv (Epitheton ornans).“[35])
  9. die Ellipse („Sie ist das einfachste Mittel, um den Forderungen des Sprachtabu zu genügen. Man denke z.B. an die elliptischen Flüche, Verwünschungen und Beteuerungen: ‚Bewahre!‘, ‚Behüte!‘, mit Auslassung des Gottesnamens.“[36])
  10. den Subjekts-Instrumental (eigentliches Subjekt steht im Instrumental)
  11. die Flucht in die Allgemeinheit (Generalisierung; Allgemeinbezeichnung wie „wildes Tier“ etc.)
  12. Tabu-Plural

Was die zuletzt genannte Kategorie des Tabu-Plurals betrifft, so meint Havers, dass das „Streben nach unbestimmter allgemeiner Ausdrucksweise [ist,] auch für die Wahl des Plurals gelegentlich maßgebend gewesen“[37] war; so sieht er den Tabu-Plural als Spezialfall des Pluralis indefinitus:

[…] anfänglich auch nur bei Personen angewandt zum Zwecke der Dämonentäuschung [...]. Dieser Tabu-Plural trägt aber schon in sich den Keim zu einem Motivwandel, insofern er als eine Ehrung für den Angeredeten aufgefasst werden konnte. So tritt ein neuer Respektsplural oder Pluralis honorificus ins Leben, bei dem das ursprüngliche Motiv der Dämonentäuschung keine Rolle mehr spielt, [...], wo auch dem sogenannten Pluralis majestatis als Urform ein Tabu-Plural zuerkannt wird.[38]


Der Tabu-Euphemismus-Zyklus


In ihrer Eigenschaft als Ersatzmittel stumpfen Euphemismen und andere Umgehungsstrategien relativ schnell ab, und es lässt sich sprachhistorisch ein regelrechter Tabu-Euphemismus-Zyklus belegen, wie es z.B. Porzig anschaulich für die Bezeichnungen des gewissen Körperteils aufgezeigt hat:
Unbrauchbar wird ein Wort hauptsächlich dadurch, dass es eine unangenehme, gefährliche oder anstößige Gedankenverbindung hervorruft. Bekanntlich sind die Namen für gewisse Körperteile verpönt und müssen durch andere Bezeichnungen ersetzt werden. Dieser Vorgang wiederholt sich aber beständig, denn es dauert nicht lange, dann sind auch die neuen Namen in guter Gesellschaft unmöglich, weil die Anstößigkeit ja nicht am Namen, sondern an der Sache hängt. So ist das alte Wort arsch überhaupt nur noch in bestimmten Kreisen und Situationen möglich. Es wurde zunächst durch Hinterer und schließlich durch Gesäß ersetzt. Aber ars, älteste erreichbare Form orsos, bedeutet eigentlich „Hervorstehender“ und war also selbst schon eine verhüllende Bezeichnung, die ursprünglich für den tierischen Körper geprägt war.[39]
Pieper zeigt im Zusammenhang des gleichen Bezeichnungsproblems auf, wie es zur Bildung des berühmten „Popos“ kam:

Zunächst zur Entlehnung des Wortes: Posterior bzw. Podex klingt fachlich und bezeichnet doch genau den Körperteil, den man nicht ohne weiteres benennen darf. Allerdings ist die entlehnte Form etwas lang und somit umständlich in der Verwendung. Nächste Strategie ist also die Abkürzung: Es entsteht der Po. Das aber ist nun vielleicht wieder zu kurz oder gar zu sachlich und soll, vielleicht durch eine neue Strategie, verharmlost werden. Hier wäre die Reduplikation angebracht: Es entsteht also endlich der Popo, der sich dann nicht nur lange als Begriff gehalten hat, sondern dabei sogar einigermaßen salonfähig geblieben ist.[40]

Bleibt noch zu ergänzen, dass durch die Bildung des Diminutivs zu „Popöchen“ ein weiterer Euphemismus entstanden ist, der gerade durch die Verniedlichung in bestimmten Situationen in besonderer Weise akzeptabel zu sein scheint.[41]


Der Dysphemismus: Ein neues Ersatzmittel für den Tabudiskurs?


Abschließend sei als Beispiel für den Tabubereich Körper und (Geschlechts-)Krankheiten ein Auszug aus einem Roman des japanischen Nobelpreisträgers Kenzaburo Oe angeführt, in dem deutlich wird, wie stark die bloße Bezeichnung wirkt und wie wichtig die Suche nach einer der Situation angemessenen Bezeichnung ist. Bei der folgenden Stelle handelt es sich um einen Auszug aus dem Roman Der stumme Schrei, in dem sich der Japaner Takashi, der mit einer japanischen Delegation zum ersten Mal die USA bereist, durch eine Prostitutierte mit Gonorrhoe infiziert hat und (medizinische) Hilfe sucht. Takashi kann in seiner Not nicht den „normalen Weg“ (zum Arzt) gehen und wendet sich wegen seiner „Harnröhrenbeschwerden“ an eine „junge schwarze Krankenschwester im Sanitätsbüro des Hotels“[42] mit der Bitte, ihm ein Rezept für die Apotheke zu fälschen. „Zuerst“, sagte Takashi, „wollte ich dem Mädchen die unangenehmen Symptome an meinem Penis abstrakt, mit unkörperlichen Begriffen beschreiben – irgendwie über der Sache stehend, weißt du. Ich hatte keinen besonderen Grund dazu, aber ich dachte, das Wort ‚Gonorrhoe‘ wäre zu plump und würde sie schockieren. Deshalb sagte ich erst einmal, es wäre wohl Urethritis. Aber sie begriff nicht. Da sagte ich, ich hätte eine ‚Entzündung an der Röhre‘. Du hättest sie sehen sollen, wie verständnisvoll ihre Augen da aufleuchteten! Nichts hätte weniger abstrakt, weniger unkörperlich sein können – mir wurde auf einmal die ganze klebrige und fleischliche Realität der Schmerzen an meinem Ding wieder bewußt. Sie fragte: ‚Spüren Sie ein brennendes Gefühl an Ihrem Penis?‘ Gott, war ich geschockt! Ihre Worte trafen es so genau, daß mein ganzer Körper brannte – vor Verlegenheit nämlich![43]
Der kurze Auszug macht deutlich, dass auch die vermeintlich neutrale (und fremde) Bezeichnung bzw. das Fachwort („Gonorrhoe“, aber auch „Penis“) in dieser besonderen Situation aufgrund der eindeutigen Referenz kontaminiert ist, sodass der Betroffene zunächst zu einer Metonymie („Urethritis“) greift, die aber nicht verstanden wird. Der Ausweg, der hier gewählt wird, ist daher eine Metapher („Röhre“), die jedoch bis an die Grenze eines Dysphemismus reicht. Das Beispiel zeigt, dass auch Dysphemismen in bestimmten Situationen durchaus als Ersatzmittel in Tabudiskursen genutzt werden können und macht ein weiteres Mal deutlich, wie erfindungsreich Sprache bei der Bewältigung von Tabus ist.

19.11.2013

Hartmut Schröder hat als Soziologe und Linguist seit 2002 eine Professor für Sprachgebrauch und Therapeutische Kommunikation an  der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) inne. Er ist Vorstandsmitglied des Instituts für Transkulturelle Gesundheitswissenschaften IntraG, das Teil dieser Fakultät ist. Seine wissenschaftliche Arbeit fokussiert auf die interkulturelle Tabuforschung, zu der er zahlreiche maßgebliche Publikationen verfasst und Lehrveranstaltungen gehalten hat.

 


Anmerkungen


[1] Heringer, Hans Jürgen: „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort“. Politik – Sprache – Moral. München: Beck 1990, S. 163.

[2] Foucault, Michel: Der Wahnsinn, das abwesende Werk. In: Foucault, Michel: Schriften zur Literatur. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988, S. 119-129, S. 123.

[3] Pieper, Ursula: Worüber man nur „anders“ spricht. In: Sprachreport 4/1991, S. 5-7, S. 5.

[4] Ebd., S. 5.

[5] Vgl.: Jakobson, Roman: Aufsätze zur Linguistik und Poetik. München: Nymphenburger Verlag 1979 (= Sammlung Dialog), S. 44-53.

[6] Vgl.: Barthes, Roland: Elemente der Semiologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1983, S. 64.

[7] Beispiele für Auslassungen finden sich in der Sprache des Nationalismus: z.B. in dem Wort „Endlösung“. Diesem Euphemismus fehlen die tatsächliche Bedeutung spezifizierende Einheiten; denn das vollständige Syntagma müsste „die Endlösung der Judenfrage durch Tötung“ heißen (Vgl.: Leinfellner, Elisabeth: Der Euphemismus in der politischen Sprache. Berlin: Duncker & Humblot 1971, S. 89). Im politischen Bereich ist die Auslassung ein wichtiges Mittel zur Bildung von Euphemismen, sodass zu den Euphemismen auch sogenannte Nulleuphemismen gezählt werden, die allerdings als Grenzfall der Auslassungen aufgefasst werden (Vgl.: Ebd., S. 90). Wenn ein Euphemismus durch Abwesenheit von Sprachzeichen gebildet wird, ist es schwierig zu entscheiden, ob man überhaupt noch von einem Euphemismus sprechen sollte oder ob nicht vielmehr Lüge oder Verschweigen die passenden Bezeichnungen wären (Vgl.: Luchtenberg, Sigrid: Euphemismen im heutigen Deutsch. Mit einem Beitrag zu Deutsch als Fremdsprache. Frankfurt am Main: Lang 1985, S. 138).

[8] Reblin, Eva: Lücken im Konkreten – die Leerstellen der Stadt. www.tu-cottbus.de/wolkenkuckucksheim/inhalt/de/heft/ausgaben/109/Reblin/reblin.php (30.1.2011) (= Website der TU Cottbus).

[9] Vgl.: Jaworski, Adam: The Power of Silence in Communication. In: De Vito, Joseph A. / Guerrero, Laura K. / Hecht, Michael L. (Hg.): The Nonverbal Communication Reader. Classic and Contemporary Readings. Illinois: Waveland 1999, S. 156-162.

[10] Rammstedt, Otthein: Tabus und Massendmedien. In: Publizistik 9 (1964), S. 40-44, S. 41.

[11] „Wem es gelingt, seine Sprachtabus zu verbreiten, durchzusetzen, der hat auch in der Sache zuweilen schon einen Teilerfolg erzielt.“ (Betz, Werner: Meyers Enzyklopädisches Lexikon. Bd. 23: Tabu – Wörter und Wandel. Mannheim: Bibliographisches Institut 1978, S. 141-144, S. 144).

[12] Rudas, Stephan: Stichworte zur Sozialpsychologie der Tabus. In: Bettelheim, Peter / Streibel, Robert (Hg.): Tabu und Geschichte. Zur Kultur des kollektiven Erinnerns. Wien: Picus 1994, S. 17-20, S. 19.

[13] Ebd., S. 18.

[14] Herford, Marta / Kröger, Michael: Kunst der Vermeidung. Eine kurze Geschichte des Tabus. www.kuwi.europa-uni.de/de/lehrstuhl/sw/sw2/forschung/tabu/weterfuehrende_informationen/kroeger_herford_gesch_tabu_.pdf (30.1.2011).

[15] Ebd.

[16] Ebd.

[17] Ebd.

[18] Kaltenbrunner, Gerd-Klaus: Vorwort. In: Kaltenbrtenner, Gerd-Klaus (Hg.): Der innere Zensor. Neue und alte Tabus in unserer Gesellschaft. München: Herderbücherei-TB 1978. S. 8-17, S. 15.

[19] Bachtin, Michail M.: Literatur und Karneval. Frankfurt am Main: Fischer 1990, S. 48.

[20] Zur Kontextualisierung des Karnevalesken können auch Phänomene gehören, die an das aus der Tabuforschung bekannte Konzept der Wortmagie heranreichen, wie z.B. die Verwendung von „Helau“, „Alaaf“ etc.

[21] Zu den Tabus, die auch am Karneval gelten, gehören z.B. bestimmte Räume und Orte (u.a. Kirchen und Friedhöfe). Tabus gelten am Karneval für besonders sensible Themen, für bestimmte Handlungen (Selbstmord – selbst wenn dieser „karnevalisiert“ wird).

[22] Kommunizierende können in bestimmten Situationen einerseits über Tabuthemen aus eigenem Willen ausdrücklich sprechen bzw. schreiben wollen, andererseits können sie auch mehr oder weniger dazu gezwungen werden, sich über ein Tabuthema zu äußern. Vgl. auch: Günther, Ulla: „und aso das isch gar need es Tabu bi üs, nei, überhaupt need“. Sprachliche Strategien bei Phone-in-Sendungen am Radio zu tabuisierten Themen. Bern: Lang 1992 (= Zürcher Germanistische Studien 32), S. 49.

[23] Vgl.: Redfern, W. D.: Euphemism. In: Brown, Keith (Hg.): The Encyclopedia of Language and Linguistics. Bd. 3. Oxford: Elsevier Science 1994, S. 1180-1181, S. 1181.

[24] Vgl.: Schröder, Hartmut: Semiotische Aspekte multimedialer Texte. In: Schröder, Hartmut (Hg.): Fachtextpragmatik. Tübingen: Gunter Narr 1993, S. 189-213.

[25] Luchtenberg, Sigrid: Euphemismen im heutigen Deutsch. Mit einem Beitrag zu Deutsch als Fremdsprache, S. 18.

[26] Luchtenberg unterscheidet zwei Typen von Euphemismen: „Verhüllende Euphemismen dienen zur Kommunikation über tabuisierte Begriffe etc. bzw. der Rücksicht auf Gefühle und Wertvorstellungen. Dabei ist i.a. von einer Gleichberechtigung zwischen Sprecher und Hörer auszugehen, die das Tabu anerkennen und demzufolge eine entsprechende Bezeichnung wählen. Verschleiernde Euphemismen haben dagegen die Aufgabe, bestimmte Sachverhalte dem Hörer in einer vom Sprecher ausgewählten Weise darzustellen, wodurch i.a. eine für den Sprecher günstige Auswahl getroffen wird.“ (Luchtenberg, Sigrid: Euphemismen im heutigen Deutsch. Mit einem Beitrag zu Deutsch als Fremdsprache, S. 24.)

[27] Mit der Metapher als Tabuisierungsmittel hat sich bereits Karl Bühler in seiner Sprachtheorie im Paragraphen 23 beschäftigt, wo er sich mit der Auffassung von Heinz Werner auseinandersetzt, dass die echte Metapher einmalig aus dem Geiste des Tabu entsprang und nicht dem Hervorheben dient, sondern einem Verhüllungsbedürfnis entspricht (Vgl.: Bühler, Hans: SprachtheorieDie Darstellungsfunktion der Sprache. Stuttgart: Fischer 1982 (= UTB 1159), S. 351).

[28] Baumgarten, Hans: Compendium Rhetoricum. Die wichtigsten Stilmittel. Eine Auswahl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1998, S. 3.

[29] Unter Tropen verstehe ich – in Anlehnung an Baumgarten – „bildliche Ausdrücke bzw. Ausdrücke, die nur in einem übertragenen Sinn Verwendung finden“. Es handelt sich um ein Spiel mit der Bedeutung der Wörter, wobei auf semantischer Ebene „die eigentliche, übliche Bezeichnung durch die uneigentliche ersetzt“ wird. (Baumgarten, Hans: Compendium Rhetoricum. Die wichtigsten Stilmittel. Eine Auswahl, S. 3.)

[30] Mit Figur meine ich – in Anlehnung an Baumgarten – das Spiel mit Zahl und Reihenfolge der Wörter und Gedanken: „Auf syntaktischer Ebene wird die Zahl der Wörter, die vom Inhalt, von der Grammatik oder von der Gewohnheit bedingt ist, auffällig über- oder unterschritten. Die vom Gegenstand nahegelegte Reihenfolge der Wörter im Satz oder der Gedankenschritte im Gedankengang wird auffällig verändert. Die vom Redner hergestellte Anordnung heißt Wortfigur. Umgekehrt kann, bei wechselnden Inhalten der Ausdruck eine gebräuchliche, typisierte Form behalten. Das heißt Gedankenfigur.“ (Baumgarten, Hans: Compendium Rhetoricum. Die wichtigsten Stilmittel. Eine Auswahl, S. 3.)

[31] Vgl.: Havers, Wilhelm: Neuere Literatur zum Sprachtabu. Wien: Rohrer 1946.

[32] Ebd., S. 117.

[33] Ebd., S. 128.

[34] Ebd., S. 137.

[35] Ebd., S. 145.

[36] Ebd., S. 150.

[37] Ebd., S. 18.

[38] Ebd., S. 18.

[39] Porzig, Walter: Das Wunder der Sprache. Probleme. Methoden und Ergebnisse der Sprachwissenschaft. Basel: Francke 1993 (= UTB 32), S. 45-46.

[40] Pieper, Ursula: Worüber man nur „anders“ spricht, S. 5.

[41] Mackensen nennt außerdem noch die Form „Pö“, die im Rheinländischen eine euphemistische Funktion erfüllt. (Vgl.: Mackensen, Lutz: Verführung durch Sprache. München: List 1973, S. 135-136.)

[42] Oe, Kenzaburo: Der stumme Schrei. Frankfurt am Main: Fischer 1994, S. 23.

[43] Ebd., S. 23.

 


ZITIERWEISE
Schröder, Hartmut: Der Tabu-Komplex – Kultursemiotische Überlegungenhttps://jelinektabu.univie.ac.at/tabu/forschungsfeld-tabu/hartmut-schroeder/ (Datum der Einsichtnahme) (= TABU: Bruch. Überschreitungen von Künstlerinnen. Interkulturelles Wissenschaftsportal der Forschungsplattform Elfriede Jelinek).


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