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Hartmut Kraft

Tabus – In einer tabulosen Welt?

Wir können offen über alles sprechen. Es besteht Rede- und Diskussionsfreiheit. Bei strittigen Fragen kein Blatt vor den Mund zu nehmen, gilt sogar als Zeichen von Aufrichtigkeit und mitunter auch von Führungsqualität. Aber ist das wirklich so? Dürfen wir sagen, was wir wollen? Können wir es uns überall und jederzeit erlauben, jeden beliebigen Begriff zu verwenden und jede These zu vertreten? Hierzu einige aktuelle Beispiele und Fragen:

  1. Sollen z.B. von der Polizei Foltermethoden angewendet werden, um in einem Entführungsfall ein Geständnis zu erzwingen und das Leben des Opfers zu retten? Welche gesellschaftlichen oder politischen Gruppierungen befürworten ein solches Vorgehen, welche lehnen dies scharf ab?
  2. Sollen wir Organspender finanziell entschädigen – oder öffnen wir damit einem Organhandel auf Kosten der Ärmsten in der Welt Tür und Tor?
  3. Dürfen die Bilder der Opfer des Terroranschlags vom 11. September 2001 oder die Fotos der Särge amerikanischer Soldaten aus dem Irakkrieg in den Medien veröffentlicht werden – oder nicht? Wer bestimmt darüber?
  4. Dürfen über behinderte oder an einer bestimmten Krankheit leidende Mitmenschen Witze gemacht werden, gar in deren Beisein? Werden hier Tabus berührt, gar gebrochen? Und was passiert in diesem Falle?
  5. Und: Gibt es Tabus in der Psychotherapie? Wenn ja, welche? Dieser Frage vor allem werden wir uns zuwenden.

Am Tabu scheiden sich die Geister. Für manche Menschen sind Tabus geradezu ein rotes Tuch, es reizt sie, gegen Verbotenes anzugehen und reale oder vermeintlich gesetzte Grenzen zu überschreiten. So wurden z.B. in einem oft lustvollen Sturmlauf viele Sexualtabus der Nachkriegsära hinweggefegt. Aber wer erinnert sich heute überhaupt noch an die Entrüstung und die Boykottaufrufe der Kirchen, als es um den Film Das Schweigen (1962) von Ingmar Bergmann ging? Und wer wüsste noch zu sagen, woran sich die Aufregung seinerzeit entzündete?
Dass wir auf Grund der zahlreichen aufgehobenen Tabus in einer tabufreien Zeit und Gesellschaft leben, dürfte allerdings kaum jemand ernsthaft behaupten wollen. Bereits ein Blick in die Tageszeitungen führt uns bis in die Schlagzeilen hinein vor Augen, in welch starkem Maß der Begriff Tabu in den Medien und in unserer Umgangssprache verbreitet ist. Sobald man als Leser oder Fernsehzuschauer darauf achtet, wird man immer wieder auf diesen Begriff stoßen. Auf diese umgangssprachliche Verwendung des Tabubegriffs in unserer Kultur hier und heute soll sich deshalb unser Augenmerk richten. Eine erste, einfach zu belegende These lautet also:

Tabus haben Konjunktur. Tabuisierungen und Tabus sind aktuelle Phänomene in unserer Gesellschaft.

So konnten wir z.B. in den 1980er, vor allem aber 1990er Jahren das Aufblühen verschiedener Sprachtabus unter dem Einfluss der „Political Correctness“ miterleben: „Negerküsse“ und „Mohrenköpfe“ sind in der Folge aus unseren Cafés und Bäckereien verschwunden, aus den „armen Negerkindern“, für die einst ein „Nickneger“ in katholischen Kirchen mit artigem Kopfnicken für die Opfergroschen dankte, sind Schwarzafrikaner geworden. Und wer heutzutage in einer Abendgesellschaft einen anwesenden Rollstuhlfahrer als „Krüppel“ bezeichnen würde, könnte sich der Empörung der Anwesenden sicher sein und weitere Einladungen in diesen Kreis vermutlich abschreiben.

                http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/349610/MeinlMohr-Symbol-des-Rassismus (5.11.2013), datiert mit 17.12.2007

Was aber verstehen wir überhaupt unter einem Tabu? Der Begriff stammt aus der Südsee und wurde von dem englischen Seefahrer und Entdecker Sir James Cook (1728-79) nach Europa gebracht. Hier fiel der Begriff in eine sogenannte „Wortschatzlücke“: das Phänomen war zwar bekannt, ein entsprechender prägnanter Begriff hatte jedoch bislang gefehlt. So verbreitete sich der Begriff, nur leicht abgewandelt in der Schreibweise, in (fast) allen Sprachen der Welt. Nirgendwo existierte ein Wort, das dem Tabubegriff entsprechen würde: „Unsere Zusammensetzung ‚heilige Scheu‘ würde sich oft mit dem Sinn des Tabu decken“[1], hat Sigmund Freud in seiner berühmten Arbeit Totem und Tabu (1912/13) ausgeführt. Allgemeiner gefasst könnten wir von Meidungsgeboten sprechen. Das Besondere des Tabus liegt jedoch nicht im Meidungsgebot allein, sondern in der spezifischen Reaktion auf die Verletzung dieses Gebots. Dies führt zur zweiten These, zu einer ersten Definition des Tabu:

Tabus sind Meidungsgebote, deren Übertretung mit Ausschluss aus der Gemeinschaft bedroht ist.

Die bekannten drei kleinen Affen mit ihren Gesten „Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen“ können als ein Sinnbild des Tabuisierens verstanden werden – ergänzen müsste man allerdings noch: „nicht denken, nicht handeln“[2]. Das Tabu hat im Laufe seiner erst europäischen, dann weltweiten Aneignung eine Vielzahl von Interpretationen und Definitionen erfahren. Vor allem aber haben sich die Inhalte der Tabus immer wieder verändert. Das jeweils Umkämpfte, Tabuisierte oder soeben Enttabuisierte gibt uns Einblick in aktuelle Problemzonen der Gesellschaft, wie es anhand der eingangs gestellten Fragen aufgezeigt wurde. Die dritte These lautet also:

Tabus befinden sich stets in einem Wandlungsprozess. Eine „Tabuologie“ wäre eine höchst spannungsvolle Wissenschaft von den in einer Gesellschaft gültigen Grenzen des Handelns, Redens und Denkens – und den jeweils aktuell stattfindenden Tabubrüchen.

Gesellschaftliche Veränderungen führen stets zu Veränderungen der Tabus in dieser Gesellschaft, so wie umgekehrt Tabubrüche zu einer Änderung der Gesellschaft führen können. Unser Reden und Handeln mag Einschränkungen unterliegen, aber – so mag nun ein Einwand lauten – was wir denken und fühlen, das geht niemanden etwas an: „Die Gedanken sind frei!“ Hier lauert ein oft unerkanntes Problem. Unsere eigenen Tabus und die unserer Gesellschaft können wir in vielen Fällen gar nicht erkennen. Unsere Gedanken sind bei weitem nicht so frei, wie wir es uns oft wünschen mögen. So lautet die vierte These:

Tabus umfassen ein breites Spektrum von Erscheinungsformen – es reicht von bewusst und öffentlich diskutierten über nonverbal vermittelte bis hin zu unbewussten Tabus.

Die bereits genannte Political Correctness bringt viele Sprachtabus hervor, die zu den öffentlich und oft vehement diskutierten Tabus gehören. So ist z.B. der bereits genannte Begriff „Krüppel“ aus dem allgemeinen Sprachgebrauch in Deutschland verschwunden. Er wurde zunächst durch „Behinderte“ ersetzt, dann durch „Menschen mit Behinderungen“. Der darin enthaltene Hinweis auf Behinderungen erscheint für viele aber eine Entwertung oder Stigmatisierung zu enthalten, sodass gegenwärtig z.B. von „Menschen mit Assistenzbedarf“ gesprochen wird. Der Schriftsteller und Schauspieler Peter Radtke, selber behindert, warnte in einem Artikel für die Bundeszentrale für politische Bildung allerdings davor, die Political Correctness überzustrapazieren: „Wenn man sich ständig überlegen muss, ob ein Blinder mit der Formulierung ‚Auf Wiedersehen‘ verabschiedet werden darf oder ob in den neueren Kriminalfilmen ein behinderter Übeltäter tragbar ist, wird deutlich, wie weit wir noch von einer wirklichen Normalisierung entfernt sind.“[3] Die Überstrapazierung eines Sprachtabus in Richtung Zensur und Einschränkung kann einen im Kern sinnvollen Ansatz gegebenenfalls auch ins Gegenteil verkehren.


http://blog.atv.at/ampunkt/2012-03/aus-fur-mohr-im-hemd-negerbrot-zigeunerschnitzel-wie-politisch-korrekt-mussen-wir-sein/ (5.11.2013), datiert mit 14.3.2012

Zahlreiche Familientabus hingegen, die sich um schamhaft verschwiegene Familienereignisse wie z.B. eine uneheliche Geburt, eine Erbkrankheit, eine Behinderung oder den Alkoholismus eines Elternteils ranken, werden eher nonverbal vermittelt. Darüber spricht man nicht, und Personen, die dies doch tun wollen, werden gemieden, nicht mehr eingeladen – aus dem Familienkreis also ausgeschlossen. Diese Erfahrungen und Erlebnisse werden gespeichert. Trotz real guter Beziehungen im späteren Leben kann dann leicht wieder das Gefühl auftreten, „mutterseelenallein“ auf der Welt zu sein, wenn wichtige Introjekte – wie in der Kindheit die real wichtigen Beziehungspersonen – mit Ausschluss drohen. Oft erst im Schutz der psychotherapeutischen Beziehung können diese Themen angesprochen und die damit verbundenen Ängste benannt und aufgearbeitet werden.
Über uns unbewusste Tabus können wir naturgemäß zunächst keine Aussage machen. Wir können uns aber durchaus an Tabus erinnern, die in den letzten Jahren erst aufgedeckt und in unser Bewusstsein gelangt sind. So ist z.B. das Inzesttabu stets akzeptiert und propagiert, sogar gesetzlich verankert worden – die Häufigkeit des Bruchs dieses Inzesttabus unterlag hingegen einer Tabuisierung. Sexueller Missbrauch innerhalb der Familien galt noch in den Sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als ein recht seltenes Phänomen, zudem eines, das nur in der sozialen Unterschicht zu beobachten sei. Sigmund Freud als Aufklärer über die kindliche Sexualität war nicht unbeteiligt an dieser Tabuisierung. Freuds ursprüngliche These (1896), reale sexuelle Traumatisierungen seien der Ursprung späterer hysterischer Neurosen[4], traf auf ein gesellschaftliches Tabu in einer patriarchalen Gesellschaft. Seine Theorie und seine Person wurden mit eisiger Ablehnung bestraft. Allerdings distanzierte sich Freud selber bereits in einem Brief vom 21.9.1897 an seinen Freund Wilhelm Fließ von seiner eigenen Hypothese: „Ich glaube an meine Neurotica nicht mehr.“[5] Er schrieb die Ursache der Neurose nicht länger realen sexuellen Traumatisierungen zu, sondern den ödipalen Phantasien der Kinder und den daraus sich entwickelnden intrapsychischen Konflikten. Dies hatte weitreichende Konsequenzen für Generationen von Psychoanalytikern: Es erfolgte eine Abkehr der Aufmerksamkeit der Psychotherapeuten von der äußeren Realität hin zu triebbedingter, angeborener Phantasiewelt, zu aktiver kindlicher Sexualität und dem Ödipuskomplex als Zentrum psychischer Störungen. Die Erinnerung der Erwachsenen, in ihrer Kindheit sexuell missbraucht worden zu sein, wurde entweder nicht mehr als Mitteilung eines realen Ereignisses betrachtet oder als lediglich gleichrangig mit einer Phantasie behandelt. Sexueller Missbrauch als gesellschaftliches Massenphänomen wurde durch die Um-Interpretation als kindliche Phantasie vom Schuldvorwurf befreit – und die Psychoanalyse wurde gesellschaftsfähig.[6]
Aber Freud blieb Zeit seines Lebens ambivalent in der Frage Verführungstheorie (reale sexuelle Traumatisierung) versus ödipaler Theorie (Phantasietätigkeit des Kindes). Da eine Verzahnung dieser beiden theoretischen Ansätze noch nicht konzeptualisiert werden konnte, führte die Ambivalenzspannung zu einer Tabuisierung einer dieser Theorien. Dies entspricht Freuds Entdeckung in Totem und Tabu, dass Tabuisierungen dazu dienen können, einen Ambivalenzkonflikt zu entschärfen. Autoren wie Sándor Ferenczi, die gegen diesen Konsens verstießen, wurden tabuisiert, also an den Rand der psychoanalytischen Bewegung gedrängt, wenn nicht gar ausgestoßen. So verlangte z.B. Freud selber den Verzicht Ferenczis auf eine Veröffentlichung seiner (bis heute) wichtigen Arbeit Sprachverwirrung zwischen dem Erwachsenen und dem Kind (1933), worin der Autor zeigt, dass Erwachsene sich dem Kinde gegenüber verführend verhalten, wenn sie das kindliche Spiel für die Wünsche der sexuell reifen Person missbrauchen.[7] Der Freud-Biograph Ernest Jones verhinderte die zugesagte Übertragung dieser Arbeit von Ferenczi ins Englische. Dies veranlasste erst viele Jahre später Michael Balint.
Diese Tabuisierung der Häufigkeit des sexuellen Missbrauchs von Abhängigen hat über viele Jahrzehnte und mehrere Generationen von Psychoanalytikern fortbestanden. In den späteren Psychoanalytiker-Generationen hat Freuds Ambivalenz gegenüber einer Integration der traumatischen Elemente in die Theorie der Neurosenentstehung nachgewirkt. Noch in den 1970er Jahren konnte man den Eindruck gewinnen, dass in Theorie wie Therapie einzig die Berücksichtigung der Triebmomente und die daraus entstehenden intrapsychischen Konflikte als genuin „psychoanalytisch“ angesehen wurden. Wer traumatisch wirkende Realerlebnisse oder massiv beeinträchtigende Objektbeziehungen zu bedenken gab, sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, eine den analytischen Erkenntnisgewinn hemmende Abwehrhaltung der Patienten mitzuvollziehen.[8] Erst in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre begann in der Psychoanalyse die Integration der unterschiedlichen Theorieansätze (Übersicht siehe z.B. bei Höhfeld und Schlösser[9]).
Was waren die Folgen dieser auf Freud zurückzuführenden Tabuisierung? Sie erlaubte, bis Anfang der 1960er Jahre an eine beruhigend kleine Zahl von Inzestfällen zu glauben: ca. ein Fall auf 1.000.000 Einwohner pro Jahr.[10] Andere Autoren gingen nur von etwas höheren Zahlen aus. So gab es im Jahre 1950 in der Bundesrepublik Deutschland 436 verurteilte Inzesttäter, eine Zahl, die auf 111 Verurteilungen im Jahre 1965 absank.[11] Im Jahre 1963 schrieb der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter in seinem weit verbreiteten Buch Eltern, Kind, Neurose, dass der sexuelle Missbrauch zwar nicht nur in Ausnahmefällen vorkomme, allerdings lediglich bei primitiven Eltern von sehr niedrigem Sozialniveau zu beobachten sei.[12] Die Häufigkeit wurde weiterhin bagatellisiert und die Tatsache, dass der Missbrauch sich durch alle gesellschaftlichen Schichten zieht, wurde tabuisiert.
Es ist keine Frage, dass diese Zusammenhänge bis zumindest in die 1970er Jahre unbewusst waren. In der Nachfolge Freuds haben sich die Psychoanalytiker über Jahrzehnte an der Tabuisierung der Häufigkeit des Bruchs des Inzesttabus unbewusst beteiligt. Die Verantwortung und das Leid wurden den Schwächsten, den kindlichen Opfern, aufgebürdet. Es entsprach den Interessen einer patriarchalen Gesellschaft, dass die Fakten des Missbrauchs aus der Wahrnehmung ausgeblendet oder uminterpretiert wurden. Nur so konnten die erwachsenen Täter vor Entdeckung geschützt, Tatbestände verharmlost und Täter gegebenenfalls exkulpiert werden. Die Beweislast lag auf Seiten der Opfer – und kaum jemand glaubte ihnen. In dieser Atmosphäre konnten die meisten Opfer die Re-Traumatisierung durch höchst unsensible Befragungen und ein oft offenes Anzweifeln ihrer Aussage nicht durchstehen.
Die Psychoanalyse war nach Aufdeckung dieser Tabuisierung nicht in der Lage, zügig angemessene Behandlungsstrategien in die analytischen und analytisch orientierten Psychotherapien zu integrieren, sodass sich die Psychotraumatologie[13] als eigener Therapiezweig etablieren konnte und musste. Noch heute gehört eine in manchen Fällen hilfreiche Technik wie das EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing[14]) nicht zum Leistungskatalog der Krankenkassen, obwohl an einer in manchen Fällen wirksamen Kombination analytischer oder analytisch orientierter Psychotherapie und EMDR nicht zu zweifeln ist.[15]
Was aber sind die Funktionen dieser oft so langfristig wirksamen Tabuisierungen? Diese Frage lässt sich als fünfte These allgemein formulieren:

Tabus dienen der Herausbildung und Sicherung von Identität.

Identität sowie Sicherheits- und Selbstwertgefühl bedürfen einer Vorstellung von dem, was zu mir / uns gehört – und was nicht. Eine mögliche Form, dies klar zu stellen, besteht in der Errichtung von Tabus. Wie die oben genannten Beispiele zeigen, dienen Tabus dabei einer Ausblendung von Fakten und helfen uns, ein Wunschbild unserer Identität zu zeichnen. Der Soziologe Karl Otto Hondrich spricht in diesem Zusammenhang sogar von einem „Tabu-Prinzip“, ohne das keine Gemeinschaft auskomme. Keine Person, keine Gruppe und keine Gesellschaft kann alle inneren Widersprüche, Übel und traumatischen Erinnerungen immer präsent halten[16] – aber es ist heute eine Forderung an unsere psychosoziale Entwicklung und Kompetenz, möglichst viel davon in unser Bewusstsein und in unsere Entscheidungsprozesse zu integrieren. So ist es weitgehend keineswegs mehr ehrenrührig, sich selber als Opfer sozialer Ungerechtigkeit oder von Missständen und Misshandlungen zu bezeichnen. Ein vehement vorgetragenes Bekenntnis kann helfen, oft tabuisierte Themen wie Armut, Behinderung, Mobbing etc. ins gesellschaftliche Bewusstsein zu heben und die Öffentlichkeit zu sensibilisieren. Auf diese Weise haben sich die Grenzen dessen, worüber in unserer Gesellschaft diskutiert werden kann, deutlich verschoben. Kritisch anzumerken ist hier allerdings auch, dass es gilt, den „Opfer-Status“ nicht überzustrapazieren. Der amerikanische Autor Charles F. Sykes hat dem Kampf um den Opfer-Status bereits 1992 ein ganzes Buch gewidmet und bemerkte süffisant, dass die Konkurrenz um den Opfer-Status in den USA so groß sei, dass alle Gruppen, die sich für unterdrückte Minderheiten halten, zusammen 374% der Bevölkerung ausmachten.[17]
Was nun aber jenseits der von den Tabus gezogenen Grenzlinie liegt, ist keineswegs für alle Menschen aller Zeiten und Kulturen verbotenes Terrain. Jedes Ehepaar, jede Familie, jede Berufsgruppe und jede Gesellschaft hat ihre spezifischen und oft höchst unterschiedlichen Tabus. Was z.B. für Partei A aus ihrem Selbstverständnis heraus vollkommen tabu ist, muss für Partei B keineswegs ein Meidungsgebot darstellen. So können wir eine sechste These aufstellen:

Tabus sind immer kontextabhängig – jede Gruppe, jeder Ort und jede Zeit haben ihre oft sehr unterschiedlichen Tabus.

Es muss die Gruppe definiert werden, für die das Tabu gilt (Tabu und Gruppe), es muss der Zeitraum für die Gültigkeit des Tabus benannt werden (Tabu und Zeit), und es muss der Ort des Geltungsbereichs zu bestimmen sein (Tabu und Ort).
Wie ein Widerspruch in sich könnte es hinsichtlich des Aspekts „Tabu und Gruppe“ wirken, wenn von „individuellen Tabus“ gesprochen wird. Hat ein einzelner Mensch ein schweres Trauma erlebt, sei es eine Vergewaltigung oder Folter, oder schämt er sich einer bestimmten Handlung in seinem Leben, so kann auch er allein dieses Thema mit einem Tabu belegen. Darüber spricht er nicht, das Thema umgeht er. Wenn es von anderen angesprochen wird, zeigt er z.B. durch Mimik und Gestik, dass ihm dies nicht behagt, wechselt das Gesprächsthema oder verlässt den Raum. Möglicherweise wird dadurch für andere Menschen das Tabuthema gar nicht sogleich erkennbar – wohl aber die Folgen einer weiteren Kontaktvermeidung. Die „individuellen Tabus“ sind zwar immer auf die Gemeinschaft hin ausgerichtet, werden allerdings nicht mit dieser Gemeinschaft von vornherein ausgehandelt.
Paartabus entwickeln sich bei jedem Paar, das längere Zeit zusammenlebt. Man weiß, was der Partner auf keinen Fall mag, was er nicht hören will, worauf er wütend reagiert, wann er die Türe zuknallend den Raum verlässt etc. Das Gleiche gilt für Familientabus, die eine Kernfamilie mit Eltern und Kindern, aber auch Großfamilien mit Großeltern, Schwiegereltern etc. betreffen können.[18] Der Alkoholismus eines Elternteils, die Verstrickung des Vaters in Verbrechen der Nazi-Zeit, die Misshandlung eines Kindes (battered child syndrome[19]) etc. können zu den gemiedenen Themen gehören. Im Verlauf von Generationen können diese Themen ganz aus dem Bewusstsein einer Familie verschwinden – und doch durch nicht eingestandene Ängste vor Entdeckung und unbewusste Schuldvorwürfe das Leben eines Nachgeborenen bestimmen.[20]
Weiter gefasste Gruppen wie Berufsgruppen, Institutionen, Gesellschaftsschichten sowie das Volk, eine Nation, haben ihre spezifischen Tabus, die außerhalb dieser Gruppe keine oder nur eine eingeschränkte Bedeutung haben müssen. Tatsachen, Erinnerungen und Meinungen, die von einer großen Mehrheit oder von einflussreichen Personen und Institutionen innerhalb einer Großgruppe abgelehnt werden, können aus dem öffentlichen Diskurs entfernt werden. Dies trägt zur Identitätsbildung einer Großgruppe bei, indem das Angemessene und sozial Erwünschte gegen das Unerwünschte abgegrenzt wird. Tabus geben eine Orientierung. Auf der anderen Seite können Tabus aber auch eine dringend notwendige kritische Diskussion behindern. Wer dann dieses Thema dennoch aufgreift, wird z.B. als „Nestbeschmutzer“ verunglimpft. Die Gemeinschaft droht mit Sanktionen, letztlich mit dem Ausschluss. Dieser Ausschluss war in Stammesgesellschaften existenziell gefährlich. Außerhalb des Dorfes lebten wilde Tiere – und vor allem war der Ausgestoßene hier mit dem von der Gruppe nach außen projizierten Bösen in Form von Hexen, Ungeheuern etc. konfrontiert.
Sind wir heutzutage weniger gefährdet? Sind wir lediglich mit dem Gefühl konfrontiert, die öffentliche Meinung gegen uns zu haben, wie es Paul Parin[21] beschwichtigend formuliert? Auch heute kann der Ausschluss aus einem Amt, einer Partei etc. zu massiven beruflichen und persönlichen Irritationen mit ausgeprägten psychischen und/oder psychosomatischen Symptomen führen. Der „Fall“ des FDP-Politikers Jürgen W. Möllemann, ehemals Stellvertreter des Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland, in Folge der Diskussionen um einen Bruch des Antisemitismus-Tabus, zeigt unmissverständlich die durchaus mögliche aktuelle Dramatik von Tabubrüchen und öffentlichen Reaktionen (Parteiausschluss, Selbstmord).
Tabuthemen auf nationaler Ebene sind in Deutschland der Antisemitismus, in der Schweiz die restriktive Abweisung jüdischer Flüchtlinge sowie Geschäfte im Zusammenhang mit dem Holocaust, in Polen der Pogrom in Jedwabne am 10.6.1941, in Frankreich der Algerien-Krieg, der lange Zeit sprachkosmetisch als „Operationen zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung in Nordafrika“ bezeichnet wurde. In ähnlicher Weise lautete die Sprachregelung israelischer Diplomaten für das Westjordanland und den Gaza-Streifen nicht „besetzte Gebiete“, sondern es wurde immer nur von „umstrittenen Territorien“ gesprochen. In Südafrika und einigen anderen, vor allem afrikanischen Staaten wurde bis weit in die 1990er Jahre das Thema AIDS tabuisiert. Gerade die Tabuisierung dieser Erkrankung, verbunden mit der Weigerung, öffentlich und nachdrücklich auf die Verbreitung durch ungeschützten Sexualverkehr hinzuweisen, kostete und kostet auch weiterhin Millionen von Menschen das Leben. In Zeiten der Aufhebung der Apartheid, die dem Staat Südafrika international ein hohes Ansehen einbrachte, galt es als politisch nicht opportun, die in Südafrika von Staats wegen praktizierte Verleugnung der AIDS-Problematik anzuprangern.
Ein Tabuthema in Japan sind oder waren die Gräueltaten japanischer Soldaten in China. Der hohen Kunst der zwischenmenschlichen Kommunikation und feinen Zurückhaltung steht außerhalb der Gesellschaft – als Kehrseite der Medaille – eine besonders bestialische Kriegsführung gegenüber. Dieses Thema wurde erst zum 50. Jahrestag der Kapitulation in den japanischen Medien breit diskutiert. Allerdings wurde zugleich auch darauf hingewiesen, dass Japan durch die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki selber großes Leid erfahren habe. Späte Schuldanerkenntnis und die Interpretation der Atombombenopfer als Sühne addierten sich im öffentlichen Bewusstsein auf Null – so konnte das eigene begangene Unrecht schnell wieder aus den Medien und aus der öffentlichen Diskussion verschwinden.[22]
Tabus, so lässt sich das Thema „Tabu und Gruppe“ zusammenfassen, können durchaus ihre Berechtigung und ihren Sinn haben. Bei den individuellen Tabus gilt es oft, unerträgliches Leid vom Bewusstsein fernzuhalten, bei Großgruppen können Tabus der sozialen Gerechtigkeit bzw. der Aufarbeitung von Schuld dienen (z.B. Euthanasie in Deutschland). Andererseits sind Tabus aber stets darauf zu befragen, ob eine Gruppe dringend notwendige Aufgaben ausblendet und Probleme heraufbeschwört, die zumindest teilweise hätten vermieden werden können (z.B. AIDS als Tabuthema in Südafrika).
Woher aber kommen Tabus eigentlich? Gibt es – so wird oft gefragt – ein „Ur-Tabu“, von dem sich alle weiteren Tabus ableiten lassen? Wenn wir Tabus als funktional und wandlungsfähig verstehen, sie stets in ihrer Kontextabhängigkeit und in ihrer Funktion für die Herausbildung und Aufrechterhaltung der Identität einer Gruppe betrachten, wird eine Herleitung von einem wie auch immer gearteten „Ur-Tabu“ immer unwahrscheinlicher. Auch eine Eingrenzung auf die Tabuvorstellungen der Südseevölker macht keinen Sinn, abgesehen davon, dass die Verwendung des Begriffs „Tabu“ bei den Südseevölkern keineswegs einheitlich ist.
Wie die konkreten Beispiele zeigen, können wir das Tabu auch nicht als ein „uraltes Verbot, von außen (von einer Autorität) aufgedrängt“[23] verstehen, wie Sigmund Freud es formulierte. Noch weniger lässt es sich gar generell auf das „Menstruationstabu“ zurückführen, wie Erich Neumann es getan hat. Die siebte These zu den Tabus lautet somit:

Es gibt kein Ur-Tabu, auf das sich unsere Tabus zurückführen ließen.

Tabus sind auch keineswegs immer gegen „die stärksten Gelüste des Menschen gerichtet“[24]. Ebenso wenig reicht es aus, wenn wir mit dem Ethnologen James Frazer die Tabus lediglich im Rahmen magischer Vorstellungen zu verstehen suchen. Was im Einzelfall zutrifft, lässt sich keineswegs als ein allgemeingültiges Prinzip herausstellen. Die achte These lautet dementsprechend:

Tabuisieren ist ein in uns angelegter, sowohl intrapsychisch als auch interpersonell wirkender psychosozialer Mechanismus, der sich in immer neuen Tabus manifestieren kann.

So wie sich kein „erstes Tabu“ belegen lässt, ist die Rede von einem „letzten Tabu“ erst recht obsolet. Trotzdem findet in reißerischer Weise dieser Begriff in den Medien immer wieder neue Nahrung. Ein Blick ins Internet zeigt ein reges Gedrängel um den Inhalt dieses vermeintlich letzten Tabus. Die Rede ist nicht etwa nur vom Tod als letztem Tabu, worüber sich immerhin noch sinnvoll diskutieren ließe, sondern z.B. auch „Homosexualität im Profifußball“, „welkes Fleisch, textilfrei präsentiert“, „Kannibalismus“ und „rosa Turnschuhe für Männer“.
Worum geht es also wirklich bei dem in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verwendeten Mechanismus des Tabuisierens? Mit Hilfe des Tabuisierens können zumindest zwei wesentliche Probleme handhabbar gemacht werden:
Zum einen können Ambivalenzkonflikte entschärft werden, indem ein Aspekt unterdrückt wird. Das Inzest-Tabu als bekanntestes Beispiel regelt den Widerstreit zwischen sexueller Attraktivität in der Familie und einem gesellschaftlich sowie entwicklungspsychologisch zu fordernden Verzicht. Eine andere Quelle von Tabus sind schwere seelische Verletzungen (Traumata), wie sie durch Folter, Vergewaltigung, schwere Unfälle etc. zugefügt werden. Viele Betroffene meiden mehr oder weniger lang alles, was an das Trauma auch nur entfernt erinnern könnte – und beeinflussen ihre Umgebung, darauf Rücksicht zu nehmen. Auch auf diese Weise können tabuisierte Themen entstehen, Orte gemieden und Handlungen unmöglich gemacht werden.

Neben dieser Tabuisierung durch die von Konflikten und / oder Traumata betroffenen Einzelpersonen, Gruppen oder Gesellschaften, gibt es zahlreiche Tabuisierungen, indem Macht ausgenutzt wird, um Schweigegebote zu verhängen, deren Übertretungen mit Ausschluss aus der Gemeinschaft bedroht werden („Wer davon erzählt, dieses oder jenes tut, der gehört nicht zu uns!“).
Im Unterschied zu den individuellen, intrapsychischen, in unserer Psyche ablaufenden Abwehr- und Bewältigungsmechanismen wie Verdrängen, Verleugnen, Isolieren, Verkehren ins Gegenteil etc. ist das Tabuisieren also von vornherein stärker interpersonell, auf eine jeweils zu definierende Gruppe – auf unsere Um-Welt – ausgerichtet. Wir können Tabus deshalb als eine interpersonelle Abwehr verstehen, mit der sich Personen und Gruppen sowohl zusammenschließen als gleichzeitig auch gegen andere abgrenzen. Wer das Tabu der Gruppe übertritt, wird ausgeschlossen, weil er das System in Frage stellt, die Identität der Gruppe zu untergraben droht. Umgekehrt gilt, dass eine Änderung, ggf. Weiterentwicklung nur möglich ist, wenn bislang gültige Grenzen überschritten und manch ein Tabu gebrochen wird.
Der angedrohte Ausschluss trifft auf frühkindlich geformte Ängste vor einem Verlassen-Werden, einem Ausgesetzt-Werden. Auf dieser Entwicklungsstufe geht es um existenzielle Ängste, es geht um Tod oder Leben. Je mehr schmerzliche, panikauslösende Erfahrungen ein Kind diesbezüglich gemacht hat, desto „anfälliger“ wird es später auf die Androhung eines Ausschlusses aus der Gemeinschaft reagieren. Das führt uns zur neunten These:

Die Wirksamkeit der Tabus ist in frühkindlichen Erfahrungen verankert. Der angedrohte Ausschluss aus der Gemeinschaft rührt an existentielle Ängste (Todesangst).

Im Rahmen hirnphysiologischer Forschungen gibt es inzwischen erste Hinweise, dass eine soziale Ausgrenzung oder auch nur Missachtung ähnliche Areale im Gehirn aktiviert, wie dies bei körperlich erlebtem Schmerz geschieht. Ausgrenzungen aus der Gemeinschaft als die typischen Sanktionen bei Tabubrüchen müssen also als äußerst wirksame Drohungen verstanden werden.[25]
Um die Macht der Tabus zu würdigen und auch theoretisch fassbar zu machen, lohnt sich nun doch ein Blick auf die Herkunft des Tabus von den Kulturen der Südsee. Hier war das Tabu eng verknüpft mit dem Begriff „Mana“. Mana meint das „außerordentlich Wirkungsvolle“, eine übernatürliche Kraft, die sich im Tabu manifestiert. Je mehr Mana ein Objekt oder eine Person hat bzw. ihr zugeschrieben wird, desto größer ist seine / ihre Tabuzone. Wenn wir das Mana vom Himmel und aus dem Bereich des Numinosen herunter auf die Erde holen, gelangen wir zur Frage nach der irdischen Macht, ihrer Verteilung, zu den offenen und verborgenen Machtstrukturen in Gruppen und komplexen Gesellschaften. Bei jedem Tabu, das wir in unserer Umgebung entdecken, lohnt es sich, nach dem Mana – der Macht – dieses Tabus zu fragen. Was würde, vertreten durch welche Personen, passieren, wenn ich dieses oder jenes jetzt tue oder sage? Was davon entspricht wirklich der Macht eines „Tabugebers“ und seiner „Tabuwächter“ – und was schreibe ich ihm möglicherweise lediglich zu? Sind es vielleicht nur die in mir vorhandenen Bilder, die mir Angst einjagen und die ich auf andere Menschen zu projizieren bereit bin? Das führt uns zur zehnten und letzten These:

„Mana“ entsteht interaktionell in Gruppen und eignet sich zur Beschreibung der Wirkungsweise, Macht und Ausstrahlung von Tabus.

Wieviel Mana hat z.B. ein Regierungschef oder Parteivorsitzender, um unpopuläre Entscheidungen zu treffen und auch durchzusetzen? „Unsere Renten sind sicher!“, hieß es noch vor wenigen Jahren. Es war ein Tabu, über die längst bekannten demographischen Zahlen zur Überalterung unserer Gesellschaft und die daraus zu berechnenden Schwierigkeiten für den Generationenvertrag zu sprechen. Die Furcht vor einem Verlust der Wählergunst – also vor Ausschluss, vor einer Wahlniederlage – bestimmte eine Politik der Verleugnung.

In den vorgestellten zehn Thesen zum Tabu werden sehr unterschiedliche Aspekte thematisiert. Sie kreisen um einen zentralen Punkt: den angedrohten Ausschluss aus der Gemeinschaft. Ein Tabubruch konnte in Stammesgesellschaften ohne äußere Gewaltanwendung zu einem psychogenen Tod führen, vor allem aber drohte der Ausschluss aus dem Dorf, sofern nicht Reinigungsrituale das Unglück oder die Strafe abwendeten. Wer aber aus der sozialen Gemeinschaft eines Dorfes oder Stammes ausgesondert wurde, der war existentiell gefährdet. Da viele kleine Gemeinschaften das Böse und Feindselige, welches das Zusammenleben stört, nach draußen projizieren, leben außerhalb des Dorfes nicht nur die realen wilden Tiere, sondern auch die verschlingenden Dämonen als die Projektionen dieser eigenen Fantasien.
Wenn wir heutzutage ein Tabu brechen, droht die Gruppe (die Familie, die Berufsgruppe, die gesellschaftliche Schicht etc.) mit Ausschluss (z.B. Scheidung, Karriereknick, soziale Isolierung). Ein solcher Ausschluss ist zumeist nicht mehr existentiell gefährdend für Leib und Leben, wird aber wegen der sozialen Auswirkungen doch gefürchtet. Tabus lassen sich auf diese Weise im eigenen Umfeld vergleichsweise leicht aufspüren. Vielleicht stellen sie sich selbst einmal die Frage: „Was müsste ich tun oder sagen – ohne ein Gesetz zu brechen –, um in meiner Ehe, Familie, Firma, Partei etc. ausgeschlossen, zumindest geschnitten zu werden?“ Sie werden unweigerlich auf die Tabus ihrer jeweiligen Bezugsgruppe stoßen.

Zusammenfassung
Ich hoffe, es ist mir gelungen, Ihnen einen kritischen Überblick zum Thema Tabu als einem aktuellen Phänomen innerhalb unserer Gesellschaft zu geben. Die gesamtgesellschaftlich zu diskutierenden Fragen wie das Tabu der Folter, das Tabu der Bezahlung von Organspenden oder die Bildtabus im Zusammenhang mit dem 11. September 2001 habe ich erwähnt, um die gesellschaftliche Relevanz des Tabu-Themas aufzuzeigen. Die Diskussionen hierüber sind in den Medien zu hören, zu sehen und nachzulesen. Stets gilt es dabei, die Doppelgesichtigkeit der Tabus im Auge zu behalten. Verkürzt ausgedrückt könnten wir sagen:

Tabus sichern Identität – Tabubrüche ermöglichen ggf. Entwicklung.

19.11.2013

Hartmut Kraft ist Facharzt für Nervenheilkunde, Psychoanalytiker und Lehranalytiker in freier Praxis in Köln. Er veröffentlichte mehrere Publikationen zu den Grenzbereichen zwischen Medizin, Psychoanalyse, Kunst und Ethnologie. Zu seinem Forschungsschwerpunkt Tabu liegen zahlreiche Veröffentlichungen vor wie beispielsweise die Monographie Tabu. Magie und soziale Wirklichkeit (2004).

 


Anmerkungen


[1] Freud, Sigmund: Gesammelte Werke. Bd. 9: Totem und Tabu. Frankfurt am Main: Fischer 1961, S. 26.

[2] Kraft, Hartmut: TABU – Magie und soziale Wirklichkeit. Düsseldorf: Walter Verlag 2004, S. 63-68.

[3] Radke, Peter: Zum Bild behinderter Menschen in den Medien. www.bpb.de/apuz/27790/zum-bild-behinderter-menschen-in-den-medien (28.10.2013).

[4] Vgl.: Freud, Sigmund: Sigmund Freud Studienausgabe. Bd. 6: Hysterie und Angst. Frankfurt am Main: Fischer 2000, S. 151-181.

[5] Freud, Sigmund: Briefe an Wilhelm Fließ. Frankfurt am Main: Fischer 1986, S. 283.

[6] Vgl.: Krutzenbichler, Sebastian: Das „Trauma redivivum“ oder der Glaubenskrieg um die psychoanalytische Urknall-Theorie. In: Höhfeld, Kurt / Schlösser, Anne-Marie (Hg.): Trauma und Konflikt. Gießen: Psychosozial-Verlag 1998, S. 131-150, S. 138.

[7] Vgl.: Ferenczi, Sándor: Bausteine zur Psychoanalyse. Bd. 3: Arbeiten aus den Jahren 1908-1933. Frankfurt am Main: Ullstein 1984, S. 511-525. Vgl. auch: Bergmann, Martin S.: Die Interaktion zwischen Trauma und intrapsychischem Konflikt in der Psychoanalyse. In: Höhfeld, Kurt / Schlösser, Anne-Marie (Hg.): Trauma und Konflikt. S. 113-130, S. 119, sowie: Krutzenbichler, Sebastian: Das „Trauma redivivum“ oder der Glaubenskrieg um die psychoanalytische Urknall-Theorie, S. 141.

[8] Vgl.: Grubrich-Simitis, Ilse: Es war nicht der „Sturz aller Werte“. Gewichtungen in Freuds ätiologischer Theorie. In: Höhfeld, Kurt / Schlösser, Anne-Marie (Hg.): Trauma und Konflikt, S. 97-112, S. 109-110.

[9] Vgl.: Höhfeld, Kurt / Schlösser, Anne-Marie (Hg.): Trauma und Konflikt.

[10] Vgl.: Hirsch, Mathias: Realer Inzest. Psychodynamik sexuellen Missbrauchs in der Familie. Gießen: Psychosozial-Verlag 1999, S. 17-26.

[11] Vgl.: Maisch, Herbert: Inzest. Reinbek: Rowohlt 1968, S. 65.

[12] Vgl.: Richter, Horst E.: Eltern, Kind, Neurose. Die Rolle des Kindes in der Familie. Stuttgart: Klett 1963, S. 116, sowie: Krutzenbichler, Sebastian: Das „Trauma redivivum“ oder der Glaubenskrieg um die psychoanalytische Urknall-Theorie.

[13] Vgl.: Fischer, Gottfried / Riedesser, Peter: Lehrbuch der Psychotraumatologie. München: Reinhardt 1998.

[14] Vgl.: Hofmann, Arne: EMDR in der Therapie psychotraumatischer Belastungssyndrome. Stuttgart: Thieme 1999, sowie: Forrest, Margot Silk / Shapiro, Francine: EMDR in Aktion. Die Behandlung traumatisierter Menschen. Paderborn: Junfermann 1998.

[15] Vgl.: Kraft, Hartmut: TABU – Magie und soziale Wirklichkeit, S. 98-109.

[16] Vgl.: Hondrich, Karl Otto: Wieder Krieg. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2002, sowie: Hondrich, Karl Otto: Wie sich Gesellschaft schafft – Karl Otto Hondrichs fünf Prinzipien der Konstitution sozialen Lebens. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.6.2003.

[17] Vgl.: Sykes, Charles E.: A Nation of Victims. The Decay of the American Character. New York: St. Martin’s Press 1992, S. 12-13.

[18] Vgl.: Perner, Rortraud A.: Darüber spricht man nicht. Tabus in der Familie. München: Kösel 1999.

[19] Vgl.: Kempe, C. Henry u.a.: The battered child syndrome. In: JAMA 181 (1962), S. 17-24.

[20] Vgl.: Eckstaedt, Anita: Nationalsozialismus in der „zweiten Generation“. Psychoanalyse von Hörigkeitsverhältnissen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1989, sowie: Schützenberger, Anne Ancelin: Oh, meine Ahnen! Wie das Leben unserer Vorfahren in uns wiederkehrt. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag 2002.

[21] Parin, Paul: Wer richtet ein Tabu ein und zu welchem Zweck? Tabuisierung, ein Werkzeug der Politik: Legitimationsorgan, Geschichtsfälschung und Sündenbocktaktik. In: Apsel, Roland / Sippe-Süsse, Jutta (Hg.): Ethnopsychoanalyse. Bd. 6: Forschen, erzählen und reflektieren. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel 2001, S. 9-18.

[22] Vgl.: Kraft, Hartmut: TABU – Magie und soziale Wirklichkeit, S. 70.

[23] Freud, Sigmund: Gesammelte Werke. Bd. 9: Totem und Tabu, S. 45.

[24] Freud, Sigmund: Gesammelte Werke. Bd. 9: Totem und Tabu, S. 45.

[25] Vgl.: Eisenberger, Naomi I. / Kipling, D. Williams / Liebermann, Matthew D.: Does Rejection Hurt? An fMRI Study of Social Exclusion. In: Science 302 (2003), S. 290-292, sowie: Kraft, Hartmut: TABU – Magie und soziale Wirklichkeit, S. 14.

 


ZITIERWEISE
Kraft, Hartmut: Tabus – in einer tabulosen Welthttps://jelinektabu.univie.ac.at/tabu/forschungsfeld-tabu/hartmut-kraft/ (Datum der Einsichtnahme) (= TABU: Bruch. Überschreitungen von Künstlerinnen. Interkulturelles Wissenschaftsportal der Forschungsplattform Elfriede Jelinek).


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