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Eveline List

Tabu — „Rühr mich nicht an

Der häufig geradezu beliebige und damit Sinn entleerte Gebrauch des Begriffs Tabu wirkt als banalisierende Verfälschung desselben und befördert die Verleugnung seiner radikalen Implikationen. Ur-Referenz allen Rechts, zeichnen ihn Heiligkeit und Unberührbarkeit aus und ist er in die Körper der Menschen geschrieben. Ursprünglich mittels Beschneidung, Tätowierung und dergleichen und bis heute durch physische Hemmung und sinnliche Abscheu.
Das Insistieren auf dem elementaren Bedeutungsgehalt zielt nicht auf semiotischen Purismus, vielmehr richtet sich das Augenmerk auf Devianz und Verschiebung des Sinns auch im historischen Kontext und in ihren psychosozialen Implikationen zu deuten. Eine Vermutung wäre etwa, dass die exzessive Trivialisierung des Tabu-Begriffs Teil jener habituell gewordenen Transgression ist, die Elfriede Jelinek als ubiquitäre Gewalt und Erosion der Sprache thematisiert.
Im Unterschied zur Radikalität des Tabus ist ein einfaches Gesetz eine symbolisch und diskursiv bestimmte Regel und als solche verhandelbar und veränderlich. In diesem Sinn ist seine Wirksamkeit relativ und reflektierbar. Das Tabu ist hingegen sinnlich fundiert, markiert die Grenze zum Undenkbaren und entzieht letztlich sich der Rede. Ein Tabu ist also nicht einfach irgendein Verbot und wirkt auch nicht aufgrund einer ausgesprochenen Norm. Es versteht sich vielmehr unhinterfragt „von selbst“.
Zuallererst geht es um ein Berührungsverbot, ein sexuelles Verbot im Sinn der Psychoanalyse als Einschränkung körperlicher Befriedigung. Eine sinnliche Schranke wird gesetzt und in den Körper eingeschrieben. In der psychostrukturellen Genese weit vor der Gewissensbildung ist das Tabu im sensomotorischen Bereich angesiedelt und eben weitgehend sinnlich verankert und primär gegen elementare körperlich-sinnliche Regungen gerichtet. Die Schranke funktioniert jenseits von Intellekt und Logik, entzieht sich selbst magisch-animistischem Denken, das es einzuholen sucht, und ist letztlich unbegründet. Es konstituiert sich präindividuell und weitgehend präverbal und wirkt als intergenerationell kollektiv vermittelte Wahrnehmungs- und Abwehrstruktur natürlich unbewusst und entzieht sich subjektiver Steuerung und Erklärung.
Tabu als archaische Barriere psychosozialer Art wird von entsprechend archaischen mentalen Prozessen begleitet. Körper und Kognition funktionieren ungetrennt, Innen und Außen verschwimmen. Der menschliche Körper ist ein mehrfacher: physisch, symbolisch-sozial und subjektiv-imaginär. Das Tabu durchdringt alle Ebenen, zumal die symbolische Ordnung in ihm elementar verankert ist. Der konkrete Inhalt des Tabus ist zweitrangig, wenngleich regelmäßig ein – mitunter indirekter – Bezug zu Verwandtschaftsverhältnissen besteht.
Tabus sind freilich nicht nur archaische soziale Fossile, sondern psychostrukturell höchst bedeutungsvoll, weil die frühen Bindungen an nahe Primärobjekte und die Ambivalenz ihnen gegenüber immer wirksam bleiben.
Nicht zuletzt auf der Suche nach Grundstrukturen gesellschaftlicher Ordnung und ihrer psychischen Verankerung in den Menschen befasste sich Sigmund Freud mit Totemismus und Tabus als archaischen Ordnungsparametern.[1] Das Totem/der Urvater wird gewissermaßen als Organisator der Beschränkung zum elementaren Indikator von Differenz.
Exogamiegebot und Inzesttabu gehören zusammen und fixieren die gesellschaftliche (Verwandtschafts)Ordnung. Dabei sichert die Exogamie den sozialen Zusammenhalt über Elementargruppen hinaus durch den Zwang zur Suche nach Sexualpartnern außerhalb derselben.[2] Die (biologischen) Kleinstgruppen können sich so nicht absondern, was ja zum Zerfall der Gesamtgruppe führen müsste. Das Inzesttabu, vielfach als elementarstes „Gesetz“ erkannt, zwingt die Triebstrebungen in Schranken und statuiert im archaisch-infantilen Universum die Lust/Unlust-Differenz als ein Gestattet/Verboten. Dass es sich um körperliche Einschränkung in Bezug auf primäre Befriedigungsobjekte handelt, ist essenziell und wirksam. Solcherart wird Kultur- und Bedeutung stiftende Differenz genealogisch über die Körper und doch (proto)symbolisch tradiert.
Im Freud’schen Urhordenmythos endet der Kampf gegen die willkürliche Einschränkung durch die physische Übermacht des Urvaters nicht nur mit dessen Tötung, sondern auch mit seiner (identifikatorischen) Einverleibung durch die Söhne und deren nachträglichen Unterwerfung unter die Forderung nach Befriedigungsverzicht. Der nun mythische Vater wird zur absoluten symbolischen Referenz der (patriarchalen) Gesetzlichkeit. Dies markiert gewissermaßen den Übergang von der Macht physischer Gewalt zu jener der symbolischen Ordnung und in diesem Sinn kommt dem Tabu elementar kulturstiftende Funktion zu.
Seine Instituierung und die diese begleitenden Leiden des Lustverzichts werden in der Folge vielfach phantasmatisch umkreist. Dem Vatermord, so lehrt der Ödipusmythos, folgt Pestilenz, der Inzest bringt den Tod der Mutter, dem Sohn Kastration und Verbannung aus der Gesellschaft und auch noch den Nachkommen Zwist und Leiden.
Inzest- und (Elternmord)Tabu verstärken einander komplementär. Elektra (auch Elfi Elektra) verzehrt sich hasserfüllt nach ihrer Mutter; gewaltige Affektstürme von Liebessehnsucht und Mordwunsch halten einander vom Tabu gebannt in Schach. Der Tabubruch (durch den an den Bruder delegierten) Muttermord bringt Wahnsinn und sterilisiert die Natur. Dies exemplifiziert die radikalen gesellschaftlichen und psychischen Konsequenzen des Tabubruchs als Destruktion der Genealogie und damit der elementaren strukturbildenden psychosozialen Identifizierungen.
Die transgenerationalen Identifizierungen sind lebensnotwendige Prozesse im Zuge des Kulturerwerbs, dem kein Mensch entgehen kann. Tabus bilden konstitutive kulturerhaltende Elemente desselben. Sie gelten für Eltern und Kinder gleichermaßen, und ihre Tradierung begründet auch das Vertrauen in die Welt und ihre das Leben sichernde (symbolische) Ordnung. Umgekehrt wirkt der Tabubruch als tiefgreifende Erschütterung dieser Ordnung, die sie der Beliebigkeit des Zufalls ausliefert. Die affektive Reaktion auf genuine Tabubrüche ist demnach eine der Abscheu, des Grauens und panischer Ohnmacht.
Da Elfriede Jelinek beständig mit dem elementaren zivilisatorischen Tabubruch der Moderne befasst ist, durchdringen Abscheu und Grauen alle ihre Texte. Dies ist ganz im Sinne Pierre Legendres, insofern wir „in post-hitlerischen Gesellschaften leben“, da eben mit der Judenvernichtung die „genealogische Logik“[3], also das Abendländische Ordnungsprinzip selbst angegriffen und beschädigt wurde. Das Vermächtnis der Shoah-Generation ist eines der Destruktion, die weit über die historischen Morde hinausreicht.
Das genealogische Gesetz ist eine wechselseitige Bindung der Generationen, die eine notwendige Verpflichtung der Eltern gegenüber den Nachkommen umfasst. Seine sichernde Ordnung als Grundlage des Sprechens, Denkens und Handelns im Rahmen der Kultur gründet nicht zuletzt auf dem Sprechen, Denken und Handeln der Eltern. Der Elternkomplex ist Teil des Kinderkomplexes. Der Glaube an die Eltern trägt die Tradierung der Gesetzlichkeit und ebenso ihre Perversion. Jede elementare Tabuverletzung zieht als fundamentale Beschädigung der psychosozialen Ordnung zwangsläufig zahllose weitere Transgressionen nach sich. Metapsychologisch betrachtet schwindet die Trennung von bewusst und unbewusst, das Chaos primärprozesshafter Vermischungen bricht in die Alltagswelt ein, Logik, Ethik und Ästhetik verfallen der Beliebigkeit und dem arbiträr Funktionalen.
Jelineks gesamtes Werk ist von einer gewissermaßen phobischen Vermeidung bestimmt, ein permanentes „Rühr mich nicht an“ führt nur in kontraphobischer Verkehrung zu Berührungsschocks in Form exzessiven Zusammenprallens. Während das Tabu bestimmter Beziehungen ja das Vertrauen in die anderen Beziehungen stärkt, verhindert der Tabubruch Beziehungen überhaupt. Auch die ubiquitären Tabubrüche, die Jelineks Texte bestimmen, wären vielfach kontraphobisch zu verstehen als stark affektiv motivierte Grenzüberschreitungen im Sinne diffuser Abfuhr und Auflehnung. Vermassung und entfremdete Vereinzelung geben dabei den Rhythmus.
Der eine katastrophale Tabubruch der Shoah bestimmt als unüberbrückbare und daher unsymbolisierbare Kluft die Verhältnisse der Menschen zu einander, zu sich selbst und vor allem zur Sprache. Ungerichtete Bilderfluten, assoziativ endlos verzweigte widerstrebende Redeflüsse, idiosynkratrische Verdichtungen attackieren Wahrnehmung und Denkvermögen. Das Stimmengewirr massenmedialer Schablonen durch isolierte Sprechmaschinen transportiert heftige Erregung, die sich angemessener Verarbeitung entzieht. Die Struktur der Sprache korreliert mit den Körpergrenzen und ihre Diffusion bedroht die physische und psychische Integrität. Das elementare Berührungsverbot wird ubiquitäre Phobie sobald seine spezifische Wirksamkeit außer Kraft gesetzt ist. Intimität und massenhaft Öffentliches werden ununterscheidbar.
Der Kampf um die sprachliche Erfassung ist ein Grenzgang, und Jelineks Arbeiten wären auch in diesem Sinn zu interpretieren, dass noch in den Kämpfen um die Transgressionen die Kulturgrenze diskursiv aufrechterhalten werden soll.

27.1.2014

Eveline List Dr. phil., Mag.  rer. soc. oec., ao. Prof. für Kulturgeschichte  am Institut für Geschichte  der Universität Wien, Lehranalytikern (IPA/WAP). Studium  der Geschichte, Psychologie, Volkswirtschaft, Germanistik, Publizistik. Ausbildung zur Psychoanalytikerin und Gruppenanalytikerin. Forschungsschwerpunkte: psychoanalytische  Kulturwissenschaft, Kultur- und  Sozialgeschichte, Massenpsychologie. Publikationen zu Geschichte, Kulturwissenschaften, theoretischen, klinischen und  angewandten Psychoanalyse.


Anmerkungen


[1] Vgl.: Freud, Sigmund: Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker. Hg. v. Hugo Heller. Wien: Hugo Heller 1913.

[2] Vgl.: Lévi-Strauss, Claude: Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1981.

[3] Legendre, Pierre: Die Narbe. Rede vor Studenten über Wissenschaft und Unwissen. In: Legendre, Pierre: Vom Imperativ der Interpretation. Wien: Turia + Kant, 2010, S. 17-64, S. 35.

 


ZITIERWEISE
List, Eveline: Tabu - „Rühr mich nicht an“. https://jelinektabu.univie.ac.at/religion/machtinstanz/eveline-list/ (Datum der Einsichtnahme) (= TABU: Bruch. Überschreitungen von Künstlerinnen. Interkulturelles Wissenschaftsportal der Forschungsplattform Elfriede Jelinek).


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