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Elisabeth Kargl

Zur Rezeption von Jelineks Österreichkritik in Frankreich

Die Rezeption der Österreichkritik Jelineks in Frankreich hängt eng mit dem Bild, das man sich dieserorts von Österreich macht, zusammen.[1] Ohne eine entsprechende Kontextualisierung scheinen die Rezeptionsmechanismen der Jelinekschen Kritik an Österreich nicht greifbar. Lange Zeit beschränkte sich in Frankreich das Interesse für Österreich auf Tourismus und Folklore oder, in wirtschaftlicher Hinsicht, auf das „österreichische Modell“ des Kreisky-Sozialismus der 1970er Jahre. Abgesehen von diesen Aspekten wurde Österreich nicht wirklich wahrgenommen oder von Deutschland unterschieden. Erst durch das wachsende Interesse am Wiener Fin de siècle Mitte bzw. Ende der 1970er Jahre wurde z.B. die österreichische Literatur zum ersten Mal als österreichische und nicht als deutsche rezipiert.[2] Dieses Interesse kulminierte 1986 in der Ausstellung Vienne – naissance d’un siècle im Pariser Centre Georges Pompidou. Neben dem weiter bestehenden Folkore-Image wandelte sich das Österreich-Bild in Frankreich insgesamt zu einem sehr positiven[3] und wurde nun hauptsächlich von kulturellen Aspekten bestimmt: insbesondere von der Malerei (Klimt, Schiele, Kokoschka) und der Musik (Schönberg, Berg). Die Autoren der Wiener Moderne bzw. der Zwischenkriegszeit wurden besonders rezipiert,[4] im Gegensatz zur zeitgenössischen österreichischen Literatur, von der nur Peter Handke und Thomas Bernhard im französischen kulturellen Feld wahrgenommen wurden. Mitte der 1980er Jahre wurde dieses fast schon idyllische Bild aber nachhaltig erschüttert: zunächst durch die Waldheim-Affäre, dann durch den Aufstieg Jörg Haiders und der damit verbundenen Angst vor rechtsextremistischen Tendenzen in Österreich. Das Österreichbild im Frankreich der ausklingenden 1980er und der beginnenden 1990er Jahre steht ganz im Zeichen der nicht erfolgten Vergangenheitsbewältigung. Österreich wird nun nicht nur als das Land gesehen, das aufgrund des Opfermythos die Aufarbeitung seiner Geschichte ganz bewusst umgangen hat, es wird auch als besonders konservativ, katholisch und xenophob wahrgenommen. Dieses Negativimage kommt nun den zeitgenössischen Autoren zugute, vor allem jenen, die immer schon eine kritische Haltung gegenüber der Nichtaufarbeitung der Vergangenheit Österreichs eingenommen haben. Thomas Bernhard wird so zu einem Kultautor und erhält in der französischen Presse den Beinamen „imprécateur“[5]. Die Bezeichnung „Nestbeschmutzer“ (dessen wörtliche Übersetzung souilleurs de nid man ohne erklärende Paraphrase nicht wirklich versteht), ist in Frankreich fast ausschließlich positiv konnotiert. Nach und nach wird sie zum Garanten eines offenen Österreichs[6], das während der Proteste gegen die Schwarz-Blaue Regierung als das andere Österreich (l’autre Autriche) bezeichnet wird.Schon vor der eigentlichen Rezeption ihrer Werke, d.h. noch vor den ersten Übersetzungen (La Pianiste, 1988), wurde Elfriede Jelinek in Frankreich als Nachfolgerin Thomas Bernhards gehandelt und in Anspielung auf den Autor als „imprécatrice d’Autriche“ bezeichnet. Die Österreichkritik dominiert die Rezeption Jelineks in Frankreich. Bis zum Nobelpreis, eigentlich sogar bis zum Erscheinen der französischen Ausgabe von Die Kinder der Toten[7], behalten die französischen Medien hauptsächlich diese Lesart bei, teilweise zum Nachteil der eigentlichen ästhetischen Rezeption der Werke Jelineks.[8]


La scandaleuse Autrichienne

1986, also zwei Jahre vor dem Erscheinen der ersten französischen Übersetzungen, erscheint in der Wochenzeitschrift Le Nouvel Observateur ein zweiseitiger Beitrag mit dem Titel En Autriche, c´est-à-dire nulle part[9] (In Österreich, d. h. nirgendwo…), in dem ein negatives Bild der österreichischen Hauptstadt gezeichnet wird: das einer konservativen Geisterstadt, in der die Selbstmordrate der Jugendlichen Rekordhöhen erreiche und wo nostalgisch verklärt auf die Vergangenheit des Wiener Fin de siècle zurückgeblickt werde. Eine Stadt, in der es „keinen Platz für Avantgarde-Bewegungen und noch weniger für Autoren wie Jelinek“ gebe. Obwohl diese zu den „wichtigsten deutschsprachigen Schriftstellern“ zähle, würden ihre Werke vom österreichischen Publikum abgelehnt, und dies gerade eben weil sie „die verdrängte Vergangenheit sichtbar“ mache. Dies wird durch Zitate von Jelinek belegt, die im Interview das Klima in Österreich folgendermaßen beschreibt: „Hier herrscht eine extrem konservative, katholische und kleinbürgerliche Atmosphäre, wo jede kritische Kunst von vornherein verurteilt wird.“[10] Drei Monate später veröffentlicht Le Nouvel Observateur einen Artikel zur Waldheim-Affäre und kommt in diesem Zusammenhang noch einmal auf Jelineks politisches und künstlerisches Engagement zu sprechen. 1988 bezeichnet Le Nouvel Observateur die Autorin schon als „die“ Jelinek, die mit ihrem Stück Burgtheater (bis heute nicht ins Französische übersetzt) die erste gewesen sei, die Österreichs wenig ruhmvolle Vergangenheit an die Öffentlichkeit gebracht habe.[11]
Anlässlich der ersten Übersetzungen der Prosawerke Ende der 1980er Jahre durch Yasmin Hoffmann und Maryvonne Litaize, die in einem kleinen Verlag in Nîmes (Les Editions Jacqueline Chambon, mittlerweile von Actes Sud übernommen) erscheinen, verweist die französische Presse auf Thomas Bernhard, die Waldheim-Affäre und Jörg Haiders politischen Aufstieg. Als die Übersetzung von Die Liebhaberinnen (Les Amantes) veröffentlicht wird, rollt Le Monde noch einmal alle Klischees auf, die in Frankreich mit Österreich assoziiert werden: „Ein Land, in dem es sich gut leben lässt. Oase der Ruhe im Herzen Europas. Volkstanzgruppen. Musik und Walzer“ – ein idyllisches Tableau, das „von Jelinek brutal zerstört wird“[12]. 1994, während der Aufführung der Bühnenfassung von Les Exclus (Die Ausgesperrten) in Thionville, bezeichnet Le Républicain Lorrain Jelinek als

Romanautorin, die ihr Heimatland Österreich aufrüttelt und an die Oberfläche zerrt, was lange Zeit verborgen blieb: Gewalt, Ausländerhass, Dominanzverhältnisse zwischen Geschlechtern, Generationen und sozialen Schichten. Weit entfernt von den Genüssen im Prater, der Hochglanzsissi und den Walzerklischees in Wien.[13]

Jelinek wird, bezugnehmend auf Bernhard, nun rasch zur „imprécatrice d’Autriche“. Anders als Bernhard wird Jelinek aber im französischen medialen Diskurs sofort als „skandalträchtig“ wahrgenommen und so über Jahrzehnte in den französischen Medien als „scandaleuse Autrichienne“ („skandalöse Österreicherin“) bezeichnet. Dabei wird angemerkt, dass Jelinek in ihrer Österreich-Kritik ungleich radikaler als Thomas Bernhard sei: „[…] neben ihr wirkt Thomas Bernhard wie ein braver Chorknabe“[14]. Für die Kulturzeitschrift Télérama ist Jelinek ganz einfach „la scandaleuse de Vienne“, die „immer schon irritierte“[15], und das linke Magazin Politis hebt hervor, dass das „katholische und männerdominierte Österreich keine Frau aushält, die sich die Sprache des Mannes aneignet.“[16] Die katholische Tageszeitung La Croix titelt nur Der Schrecken Wiens (Vienne-terreur[17]), und auch die seriöse Le Monde assoziiert Jelinek mit Hassbekundungen: Der Stachel des Hasses (L´aiguillon de la haine[18]). Teilweise gehen die Medien sogar so weit, Jelinek als „Donau-Virago“ zu bezeichnen, deren „Schreiben Erbrechen gleichkommt“[19].
Die französischen Medien übernehmen dabei dasselbe Bild der Autorin, das auch in Österreich zirkuliert: das einer skandalträchtigen Provokateurin, die ihr Heimatland Österreich heftig kritisiert. In Frankreich löst es aber andere Reaktionen aus: Erstaunen, teilweise Unverständnis bis hin zu Bewunderung, Faszination und Respekt. Eine ablehnende Haltung wird, wenn überhaupt, eher gegenüber ihren Texten laut.[20] In diesem Zusammenhang lässt sich ein recht klares Rezeptionsschema herausarbeiten: ablehnend ist eher die konservative Presse (allen voran Le Figaro), während in linksliberalen Zeitungen wie Libération und Le Monde die Texte sehr positiv rezipiert werden. Natürlich lässt sich da auch ein Bezug zum politischen Engagement der Autorin herstellen.
Dies hängt freilich auch damit zusammen, dass Österreich seit Mitte der 1980er Jahre in Frankreich als verlogenes Land mit einem Hang zum Rechtsextremismus bzw. zum Faschismus wahrgenommen wird. Etwaige Parallelen zu eigenen Verdrängungsstrategien werden dabei nur sehr selten gezogen.[21] Auch Mitte der 1990er Jahre ist Österreich immer noch das Land, in dem „Antisemitismus und Ausländerhass zu spüren sind“[22], wie die Tribune juive schreibt. Und auch 1996, ein Jahr nach dem Beitritt Österreichs zur EU, betont der Nouvel Observateur die Nazivergangenheit Österreichs. In Anspielung auf die Naziterminologie wird Elfriede Jelineks Werk dabei metaphorisch zu einem „Schrei einer Entarteten“[23]. Auffallend ist, dass jede Rezension in der linken Libération die Korrelation Österreich = Naziland herstellt. Die Tageszeitung spielt eine wesentliche Rolle bei der Rezeption von Jelineks Österreichkritik, da sie nicht nur Rezensionen zu Jelineks Werken, sondern auch essayistische Texte und Interviews druckt.
Der Topos der Österreichkritik beherrscht auch die Rezensionen und Kommentare zu den Werken, sehr oft wird die ästhetische Rezeption darüber vernachlässigt. Der Stil der Autorin wird im Allgemeinen als „kalt“, „brutal“ und „heftig“ bezeichnet. Bestimmte Textstellen werden nicht als Fiktion, sondern als soziologische oder historisch-politische Analyse verstanden, wie es schon bei Thomas Bernhard der Fall gewesen war. So wird z.B. der „sehr barocke Walter Klemmer“ in einer Kritik zur Pianiste zu einem „Österreicher par excellence“[24]. Auch in Rezensionen von Texten, die sich eigentlich nicht in erster Linie auf Österreich beziehen, wird auf die negative Vergangenheit des Landes und Jelineks wesentliche Rolle als „Nestbeschmutzerin“ verwiesen (so z.B. anlässlich der Aufführung von Nora). La Quinzaine littéraire, Liber und Le Monde zählen zu den wenigen Presseorganen, die hier eine Ausnahme darstellen. Als die französische Übersetzung von Lust erscheint, betont der Journalist der Quinzaine littéraire, dass Österreich und seine Nazivergangenheit im Roman sicherlich angegriffen werden, dass der Text aber durch die Spracharbeit weitaus mehr als das sei.[25] Und auch Pascale Casanova hebt hervor, dass Jelineks Werk nicht allein als Angriff auf Österreich gelesen werden soll. Durch die Arbeit an der Sprache gehe Jelinek weit über die gegenwärtige Kritik der politischen Realität ihres Landes hinaus.[26]
In allen Artikeln werden Rechtsextremismus und Xenophobie als rein österreichische Phänome wahrgenommen, dadurch entsteht eine Distanz, die auch eine zusätzliche Erklärung für das positive Image der Jelinekschen Österreichkritik in Frankreich liefert. Auf die jeweilige politische und gesellschaftliche Entwicklung im Frankreich der 1980er und 1990er Jahre – stetiger Aufstieg des Front National, Abspaltung und Gründung des rechtsextremen MNR 1998 durch Bruno Mégret z.B. – wird nicht wirklich Bezug genommen.
Dieses Bild von Österreich und Jelineks österreichkritische Haltung werden durch Interviews oder Zitate Jelineks in der französischen Presse unterstrichen. Als 1991 Lust erscheint, zitiert Libération Jelinek: „Die Religion spielt in Österreich eine wichtige Rolle. Dort gibt es zwar keine faschistische, aber eine faschistoide, rassistische und ausländerfeindliche Gesellschaft.“[27] In einem Interview mit Le Monde de la Musique im selben Jahr bezeichnet Jelinek Wien als „Arsch Europas“ und sich selbst als die „verhassteste Person Österreichs“[28]. Anlässlich der Aufführung von Nora im Pariser Théâtre de la Colline beschreibt Jelinek in einem Interview mit der Wochenzeitschrift Télérama die österreichische Gesellschaft folgendermaßen:

Die deutsche Gesellschaft hat wenigstens versucht, Autokritik zu üben; die österreichische, zutiefst katholische, hat sich damit zufrieden gegeben, zur Beichte zu gehen und damit waren ihre Sünden vergeben. Heute lebt sie mit dieser absoluten Lüge. Aber ich würde nicht wie Thomas Bernhard sagen, alle österreichischen Politiker sind alte Nazis. Selbst der Nazismus ist noch zu modern für sie.[29] 

Auf die Frage des Journalisten, warum in Jelineks Welt nur „Ausgeschlossene, Verlorene, ehemalige Nazis, unterdrückte Frauen“ vorkommen, antwortet Jelinek: „Das ist ganz einfach die Wirklichkeit. Thomas Bernhard hatte dasselbe gezeigt, und da hat niemand gesagt, er würde übertreiben.“ Jelinek betont am Ende des Gesprächs: „Ich behaupte nicht, das Gewissen der Nation zu sein, und ich weiß nicht, was man noch tun kann, als seiner Wut Luft zu machen. Aber man muss gegen all das ankämpfen.“[30]
Die Auswahl dieser Zitate und Interviews verstärken das Bild, das die französischen Medien von Österreich zeichnen. So wird auch betont, dass die österreichkritische Haltung einfach nötig und als Widerstand verstanden werden müsse. 1991 veröffentlicht Libération einen Text von Jelinek – Die Österreicher als Herren der Toten, der auch in der italienischen Repubblica erschien – unter dem Titel De l’Autrichien comme seigneur de la mort. Dort beschreibt die Autorin den Aufstieg der FPÖ in Österreich und entlarvt den Opfermythos als solchen:

Die letzten Gemeinderatswahlen in Wien sind geschlagen. Sie haben gezeigt, daß wir, wieder einmal, gegen „die Anderen“, die Fremden gewonnen haben. [...] In den Staub unserer Volksmusik, unserer Mozartbeschwörungen und unserer walzertanzenden weißen Pferde sind wir endlos geworfen. Unsere Identität beruht auf der Aufhebung fremder Identität. Und wenn wir nach ihr wühlen, wühlen wir in unseren beliebten Delikatessen, Sachertorte, Schlagobers, Apfelstrudel, finden wir immer nur: nichts. [...]Die Fremdenfeindlichkeit und der Antisemitismus, die beide in Österreich auf Natur zu gründen scheinen, mit solcher beinahe organischer Selbstverständlichkeit treten sie zutage, haben ein und dieselbe Wurzel.[31] 

Die Publikation dieses Artikels in einer französischen Tageszeitung schlägt auch in Österreich Wellen. Catherine Clément, Philosophin, Schriftstellerin und Frau des ehemaligen französischen Botschafters in Wien, veröffentlicht daraufhin im Standard einen Artikel mit dem Titel Österreich als Sündenbock Europas?[32], in dem sie Elfriede Jelinek Selbsthass unterstellt, da Jelinek Österreich zum Sündenbock stigmatisiere. Ein gefundenes Fressen für Die Kronen Zeitung, die sich freut, dass sich endlich eine „mutige Stimme“ gegen die Österreichbeschimpfungen erhebt:

Nach dem Wahlerfolg von Jörg Haider hat Elfriede Jelinek ihr großartiges schriftstellerisches Talent dafür verwendet, unter dem griffigen Titel „Die Österreicher als Herren der Toten“ am 2. Dezember 1991 einen Artikel in „Libération“ zu veröffentlichen und damit der hinterhältigen Verbreitung von Lügen einen Dienst erwiesen. Eine verblüffende Demonstration von Selbsthaß, dessen Gefährlichkeit an anderer Stelle ausführlich zu untersuchen wäre. [33]



Die intellektuelle und politische Ikone

Das Negativimage Österreichs sah die französische Öffentlichkeit in der Schwarz-Blauen Koalition von 2000 bestätigt, auf die in Frankreich heftige Proteste folgten, die wiederum in Österreich stark kritisiert und als Einmischung in innenpolitische Angelegenheiten verstanden wurden.[34] Frankreich setzt sich vehement für Sanktionen gegen die österreichische Regierung ein, denn dieser politische Tabubruch wird hier besonders stark empfunden und zunächst als Reminiszenz an die Waldheim-Affäre gesehen.[35] Zahlreiche Medien gehen auf die Waldheim-Affäre und die fehlende Vergangenheitsbewältigung in Österreich ein. Dabei wird ein extrem negatives Bild von Österreich gezeichnet, das nun wirklich zum Naziland geworden sei, wie schon lange befürchtet, und Haider wird vielerorts mit Hitler gleichgesetzt. So sei nur die an sich seriöse Le Monde erwähnt, die auf der Titelseite ihrer Ausgabe eine Zeichnung von Plantu veröffentlicht, die einen kleinen Zug im kitschigen Alpendekorum zeigt, dessen Ziel Auschwitz ist.[36] Neben diesen karikaturhaften Darstellungen räumt die französische Presse aber dem „anderen“ Österreich breiten Raum ein und beschreibt ausführlich die zahlreichen Aktionen und Stellungnahmen der Regierungsgegner in Österreich, vor allem der Künstler und Intellektuellen.[37] Die französischen Medien stellen sich auch die Frage, welche Haltung gegenüber Österreich einzunehmen sei: für oder gegen eventuelle Sanktionen, und in welcher Form diese erfolgen könnten. So veröffentlicht Libération unter dem Titel Ajouter l’isolement artistique einen Aufruf französischer Kulturschaffender, jegliche Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen, die irgendeine Verbindung mit der österreichischen Regierung aufweisen, zu boykottieren.[38] Andere wiederum, so z.B. Luc Bondy und Pierre Boulez, sprechen sich gegen Boykottmaßnahmen aus. Le Monde[39] veröffentlicht einen langen Beitrag mit verschiedenen Standpunkten französischer Intellektueller, Philosophen, Germanisten und Übersetzer, unter anderen von Felix Kreissler (Germanist und Begründer der Zeitschrift Austriaca) und Jaques Bouveresse, die zur Solidarität mit all jenen aufgerufen hatten, die in Österreich „Widerstand leisten und demonstrieren“[40]. Einige französische Intellektuelle nehmen auch an der Großdemonstration in Wien am 19.2. teil. Der Germanist Jacques Le Rider jedoch zeigt sich besonders pessimistisch, der Protest der österreichischen Intellektuellen würde rein gar nichts bewirken, „Autoren wie Elfriede Jelinek finden nur in Germanistenkreisen Gehör“[41].

Le Monde, 3.2.2000.

Le Monde veröffentlicht am 6.2. einen Beitrag von Elfriede Jelinek unter dem Titel Innocente Autriche…[42]. Dort betont Jelinek die Gefahren dieser Koalition und geht auf das Engagement der österreichischen Künstler ein, die sich dessen seit Jahrzehnten bewusst sind. Für Jelinek ist mit dem Sieg der extremen Rechten in Österreich „die Politik an sich“ zu Ende. Haider bezeichnet sie explizit als „Führer“, damit werden die in Frankreich schon bestehenden Interpretationsstränge abermals verstärkt. Sie wirft in ihrem Text aber auch die Frage nach dem Ergebnis dieses Engagements auf und bezieht sich dabei auf einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung, in dem behauptet wurde, die österreichischen Intellektuellen hätten auf den Anstieg der rechtsextremen Gefahr nicht reagiert. Selbst wenn die französischen Medien (allen voran Le Monde, Libération und L’Humanité) auch das „andere“ Österreich zu Wort kommen lassen, werden auch Stimmen laut, die dieses Engagement einer „kleinen Minderheit“ als „immens naiv“ bezeichnen.[43] Diese Aussagen wiederum rufen Kommentare all jener hervor, die den österreichischen Kontext bzw. seine kulturelle Szene besser kennen.[44]
Die Wochenzeitung Le Nouvel Observateur veröffentlicht eine eigene Beilage zu Österreich[45] und bezieht sich besonders auf den Aufstieg Jörg Haiders und die Regierungsbildung, betont aber auch, dass 70 % der Österreicher Haider nicht gewählt hätten. Zur „résistance“ zählt die Zeitung natürlich auch Jelinek, „l’imprécatrice, impératrice des lettres autrichiennes“ („die Beschimpferin, Kaiserin der österreichischen Literatur“), die in einem Interview erklärt: „Alle meine Theatertexte, alle meine Romane haben das zum Thema. Aber man hört mich nicht, man hat mich nicht gehört, das hat nichts gebracht […]“[46]. Sie bestätigt, ein Aufführungsverbot ihrer Stücke für die österreichischen Bühnen verhängt zu haben.
In der Cartoucherie in Vincennes werden am 17.6.2000 von Heinz Schwarzinger eine „Österreichische Nacht“ organisiert.[47] Gelesen werden Texte von Gustav Ernst und Elfriede Jelinek (Pourquoi j’ai interdit mes pièces en Autriche). Im Jahr darauf gibt es ebenfalls eine szenische Lesung von Le Silence (Das Schweigen) und Les Adieux, übersetzt von Yasmin Hoffmann und Maryvonne Litaize, inszeniert von André Wilms im Pariser Théâtre Ouvert. Weitere Lesungen finden in Lille, Lyon, Marseille und Grenoble statt. Nachdem die von der EU entsandten „drei Weisen“ Österreichs Regierung einen Persilschein ausgestellt hatten und die Sanktionen im September aufgehoben worden waren, beruhigt sich auch die Lage in Frankreich wieder.

Elfriede Jelinek: Le Silence (Das Schweigen), Les Adieux (Das Lebewohl). Théâtre Ouvert, Inszenierung: André Wilms, 2001.

Während der Proteste gegen die Schwarz-Blaue Regierung in Österreich hat sich auch das Bild Jelineks als österreichkritischer Autorin in Frankreich gewandelt. Es hat nun nicht mehr ausschließlich den Anstrich des Faszinosums und des Skandals. Jelinek kommt nun der Status einer engagierten Autorin zu, der in Frankreich Respekt entgegengebracht wird und die hier ihresgleichen sucht.[48] Dieses Bild, das wenig Einfluss auf die konkrete Werkrezeption hat, wird wenig später durch den Nobelpreis und zwei Jahre danach im Zusammenhang mit der sogenannten „Handke-Affäre“ untermauert.
Die Österreichkritik tritt während der Rezeption der österreichisch-französischen Koproduktion La Pianiste (Die Klavierspielerin), mit französischen Spitzenschauspielern besetzt, in den Hintergrund. Zu bemerken ist allerdings, dass Jelinek in einigen Medien mit der Protagonistin des Films gleichgesetzt wird, der teilweise auch als skandalös und „pervers“ empfunden wird. Anzumerken ist auch noch, dass sich die spätere Rezeption auf den Film bezieht. Dies zeigt sich auch anhand der Neuausgaben der Prosawerke, deren Deckblatt immer nackte Frauen mit halbgeöffneten roten Lippen zieren. Jelinek scheint sich doch besser unter dem Gesichtspunkt des Skandals und Sexes zu verkaufen.
Jelineks Österreichkritik kommt erst 2003 mit der Adaption von Les Amantes durch Joël Jouanneau im Pariser Théâtre Ouvert wieder zum Tragen. In den sehr positiven Kritiken ist aber kaum mehr die Rede von Skandal. Besonders hervorgehoben werden der sarkastische Humor, ja eigentlich Zynismus der „karikaturhaften Darstellung“[49] sowie die „heftige“[50] Kritik der Autorin gegenüber Österreich. Le Monde betont auch noch einmal, dass Jelinek Österreichs verdrängte Vergangenheit aufbreche[51], hebt aber in erster Linie hervor, dass Jelinek als „bekennende Feministin wirtschaftliche, politische, sexuelle Mechanismen“ demontiere. Und selbst der konservative Figaro sieht in der Bearbeitung eine Ästhetisierung, die Empathie erzeuge,[52] die Jelinek kategorisch ablehnt. Libération bringt als einzige Zeitung eine negative Kritik und beklagt, dass „der politische Gehalt“ des Textes in der Adaption weitgehend verloren gehe.[53] Dabei geht es aber nicht so sehr um die Österreichkritik als um allgemein gesellschaftskritische Passagen, die in der Bearbeitung ausgespart würden.
Auch als Avidité (Gier) in Frankreich erscheint, wird wieder auf die Österreichkritik Jelineks eingegangen. Der ansonsten eher kritische Journalist Jean-Claude Lebrun sieht in dem Text eine Metapher für das zeitgenössische Österreich:

Mit erbarmungsloser Schärfe zeichnet die Schriftstellerin das Bild eines merkwürdigen Landes, das sich zwischen Sentimentalität und Zynismus bewegt. Mit Fleisch und Alkohol gemästet. Primitiv und hochnäsig. Immer noch auf seine k.u.k. Vergangenheit pochend. Ein Land, das verbissen Gustav Klimt für sich beansprucht und die Populisten in die Regierung lässt.[54]



Der Nobelpreis

Als Elfriede Jelinek am 7.10.2004 der Literaturnobelpreis verliehen wird, ist auch die Überraschung in Frankreich groß. Die Verlegerin Jacqueline Chambon, die sich sehr früh für Jelinek eingesetzt und mit La Pianiste ihren eigenen Verlag gegründet hatte, empfand Jelineks Werk eigentlich als „zu heftig, zu radikal für den Nobelpreis“[55]. Ouest-France, Le Monde und Télérama kommen wieder auf altbekannte Muster zurück und behaupten „La scandaleuse est béatifiée“[56] („Die Skandalautorin ist selig gesprochen“), „austro-radikaler Nobelpreis“[57], „die gekrönte ,imprécatrice‘“[58]. Der konservative Figaro schreibt, man habe damit eine „engagierte Frau, eine politische Autorin und eine umstrittene Schrifstellerin geehrt“[59]. Die Mehrheit der Zeitungen und Zeitschriften übernehmen die Informationen der AFP-Depesche und bemerken, dass Jelinek nicht als „Blume im Knopfloch für Österreich“ gesehen werden möchte.
Jelinek wird in fast allen Artikeln mit Kraus und Bernhard verglichen, ihre kritische Haltung in allen Texten hervorgehoben. So veröffentlicht Jean-Claude Lebrun in der kommunistischen L’Humanité einen langen und ausführlichen Artikel, in dem er Jelinek als „zutiefst in ihrer Heimat verwurzelt“ bezeichnet, „genauso heftig ist ihre Kritik daran“[60]. Noch viel stärker als der „große Thomas Bernhard“ greife Jelinek das „kollektive Unbewusste“ Österreichs an, das von „ultrakonservativen Ideologien“ beherrscht sei.

Le Figaro, 29.10.2004

Im Figaro erscheint zunächst ein neutraler Artikel, aber in der Beilage Figaro Magazine bricht einige Wochen später eine Polemik aus, die man auch in österreichischen oder deutschen Medien findet. „Um den Nobelpreis zu bekommen, gibt es eine allgemeingültige Regel – man muss nur langweilig, altmodisch und unlesbar sein“[61]. Es sind nicht so sehr die Themen, die den Journalisten zu stören scheinen, sondern eher der Stil Jelineks. Er fügt noch hinzu, wenn es schon unbedingt „ein Österreicher“ sein haben müsse, dann hätte die Wahl wenigstens auf Thomas Bernhard fallen können. Aber die Jury scheine „Claude Simon, Schriftsteller, von denen noch nie jemand gehört hatte und politisch korrekte Autoren zu bevorzugen“[62]. Interessant ist in unserem Zusammenhang die letzte Aussage, die mit Polemiken um die sogenannten „Gutmenschen“ in Österreich übereinzustimmen scheint.
Libération veröffentlicht nicht nur ein Interview mit Isabelle Huppert,[63] sondern widmet die ersten beiden Seiten der Ausgabe vom 8.10. dem Nobelpreis. Auf dem Titelblatt prangt in großen Lettern L’imprécatrice d’Autriche. In seinem Leitartikel spricht Gérard Dupuy fast ausschließlich über die „politische Stärke“ des Jelinekschen Werkes und zählt dazu den Feminismus, die Österreichkritik, den Kampf gegen männliche Dominanz und kapitalistische Ausbeutung.[64] Libération sowie auch Le Monde beschreiben die Reaktionen auf den Nobelpreis in Österreich, vor allem jene der FPÖ, da Jelinek es ja genossen habe, „Österreich durch den Dreck zu ziehen.“
Einige Wochen später veröffentlicht Le Monde in ihrer Wochenendbeilage ein siebenseitiges Porträt von Jelinek.[65] Die in Österreich lebende Le Monde-Korrespondentin Joëlle Stolz geht noch einmal auf die Beziehungen der Autorin zu ihrem Heimatland ein und betont, dass Jelinek in vielen europäischen Ländern besser für ihre Denunziation von Ideologien bekannt sei als für ihr schwierig zu übersetzendes Werk. Gerade in Frankreich sei ja noch relativ wenig von ihr übersetzt worden.
In seinem Kommentar zur Verleihung des Nobelpreises an Elfriede Jelinek in Libération hebt Michel Cullin hervor, dass es noch ein „anderes“ Österreich als jenes „Haiders und seiner Kumpanen“ gebe und dass ebendieses eine lange Tradition habe, was man im Ausland sehr oft vergesse, wo stereotype Bilder des faschistischen und reaktionären Österreichs verbreitet würden. Der immer noch dominante Habsburgermythos verdecke dabei Geistesströmungen wie den Austromarxismus, Widerstandsbewegungen in der Nazizeit und Auflehnungen verschiedener Vereine und der Zivilgesellschaft seit der Waldheim-Affäre. Der Nobelpreis an Elfriede Jelinek sei ein Beweis für dieses „andere“ Österreich, nicht antiösterreichische Tendenzen würden dadurch affichiert, sondern Werte, die genauso als typisch österreichisch gesehen werden können.[66]
In den Kommentaren und Artikeln zum Nobelpreis kommen zwar wieder altbekannte Rezeptionsmuster hervor (skandalträchtig, pornographisch etc.), ohne dass diese aber besonders negativ konnotiert wären. In Frankreich entsteht (bis auf die Artikel in Le Figaro Magazine) keine Polemik nach der Wahl des schwedischen Nobelkomitees. In allen Kommentaren wird das politische Engagement der Autorin hervorgehoben sowie ihre Beziehung zu Österreich thematisiert. Das positive Bild dieses Engagements und der kritischen Haltung der Autorin wird so in Frankreich verstärkt. Der Nobelpreis bietet endlich auch die Gelegenheit zu detaillierteren Werkdarstellungen, siehe dazu das Porträt von Christine Lecerf für die Sendung A voix nue[67] auf France-Culture.
In weiterer Folge erscheint die Jelineksche Österreichkritik nur mehr als eine Facette dieses komplexen Werks. Die Virtuosität der Spracharbeit tritt immer mehr in den Vordergrund, dieser Aspekt wird auch die Rezensionen und Kommentare anlässlich der Übersetzung von Die Kinder der Toten 2007 beherrschen.[68]


Nach dem Nobelpreis

Obwohl Österreich in den französischen Medien nach diesem Zeitpunkt durchaus Erwähnung findet – mit dem Tod Jörg Haiders und den Wahlen, die vor allem Straches Aufstieg zeigen –, werden die österreichischen „Nestbeschmutzer“ nicht mehr dezidiert angesprochen. Auch gibt es zwischen 2007 und 2012 keine Neuerscheinungen von Übersetzungen, und bis auf einige Aufführungen der Theaterstücke (vor allem Jackie) ist das Jelineksche Werk im französischen Feld wenig präsent. Jelineks Österreichkritik wird als solche nicht mehr thematisiert. Die Weiterentwicklung der FPÖ unter Straches Führung wird in Frankreich zwar wahrgenommen, aber Frankreich nimmt keine Protestposition mehr dagegen ein. Das hängt mit den europäischen und innerfranzösischen politischen Veränderungen zusammen: einer gewissen „Banalisierung“ populistischer und rechtsextremer Parteien in mehreren europäischen Ländern, dem kontinuierlichen Aufstieg des Front National (2002 war Jean-Marie Le Pen im zweiten Wahldurchgang unmittelbarer Gegner Jacques Chiracs) und der „Veränderung“ der Partei unter Marine Le Pen. Dazu kommt noch eine immer größere Akzeptanz des populistischen und rechtsextremistischen Diskurses, vor allem seit Sarkozys Präsidentschaft, die eine radikale Abgrenzung zu diesen Ideen unterminiert.
„Die Vergangenheit hinterfragen, um sich der Gegenwart besser stellen zu können: handelt es sich da nicht um eine historische, politische und ethische Verantwortung, die nicht nur Österreich betrifft?“[69], fragt der Germanist Marc Lacheny in seinem Artikel zur Vergangenheitsbewältigung in Österreich. Dieses Zitat resümiert gut die Haltung, die im französischen Feld nach Jelineks Nobelpreis vorzuherrschen scheint.
Erst 2012 mit den Neuerscheinungen von zwei Stücken, Winterreise und Restoroute/Animaux (Raststätte/Über Tiere), kommt der Topos der Österreichkritik wieder zum Tragen. Im Nouvel Observateur wird Jelinek in alter Manier als „Sexorciste“[70] bezeichnet, aber wie schon anlässlich von Enfants des morts scheint die Österreichkritik nur als eine Facette des Gesamtwerks auf. Dennoch wird sie als „österreichische Tradition“ und gar als eigene literarische Gattung gesehen.[71] Die Zeitschrift Lire veröffentlicht anlässlich der Neuerscheinungen ein langes Interview mit Jelinek. Der Journalist stellt der Autorin die Frage: „Ist Schreiben Ihre Art, politisch aktiv zu sein?“ Jelinek darauf: „Ich habe meine Arbeit immer als politische Aktion betrachtet und Österreich, das sehr weit rechts verankert ist, nach links zu treiben versucht. Aber das war nichts anderes als eine Illusion.“[72]
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Jelineksche Österreichkritik schon früh als solche in Frankreich wahrgenommen wurde und mittlerweile eine lange Tradition hat. Jedoch stellte sie hier nie einen Tabubruch da, weil sie immer aus einer gewissen Distanz zu den österreichischen Vorgängen wahrgenommen wurde. Dies ist auch mit ein Grund, warum sie in den letzten Jahren als solche nicht mehr thematisiert wurde. Lange Zeit als „scandaleuse Autrichienne“ gesehen, wurde Jelinek nach und nach zur einer Intellektuellen, der im französischen Feld Respekt entgegengebracht wird.

22.1.2014

Elisabeth Kargl, Dozentin am Institut für Germanistik der Universität Nantes, Frankreich. Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft, Romanistik und Germanistik in Wien, Nantes und Paris III. Dissertation zu Übersetzungen von Elfriede Jelineks Theaterstücken ins Französische (Wien-Paris III). Forschungsschwerpunkte: Übersetzungswissenschaft, Rezeption, Diskurs-Analyse, österreichische Literatur und Landeskunde.


Anmerkungen


[1] Vgl. dazu u.a.: Weinmann, Ute: Thomas Bernhard, L’Autriche et la France. Paris: L’Harmattan 2000; Stieg, Gerald: Im Namen Bernhards und Waldheims: Das Österreichbild der französischen Kulturjournalistik von 1986-1992. In: Koja, Friedrich / Pfersmann, Otto: Frankreich-Österreich. Wechselseitige Wahrnehmungen und wechselseitige Einflüsse seit 1918. Wien: Böhlau 1994; Weinmann, Ute: A propos de l’image politique de l’Autriche en France. Le ,problème autrichien‘ dans le journal Le Monde de 1945-1950. In: Lacheny, Marc / Laplénie, Jean-François: Au nom de Goethe! Hommage à Gerald Stieg. Paris: L’Harmattan 2009, S. 79-90.

[2] Vgl.: Weinmann, Ute: Thomas Bernhard, S. 244.

[3] Auch heute funktioniert dieses spezifische Österreich-Bild in Frankreich noch – siehe dazu etwa die Plakatwerbungen in der Pariser Métro und die Prospekte der Österreich-Werbung.

[4] Zunächst Zweig, Schnitzler, Musil, Roth, Kraus und Hofmannsthal, dann auch Perutz, Horváth, Canetti und Soyfer. Vgl.: Weinmann, Ute: Thomas Bernhard, S. 244.

[5] Eigentlich wird damit jemand bezeichnet, der Verwünschungen, Verfluchungen ausstößt. Hier ist in erster Linie der „Beschimpfer“ gemeint, die Anspielung auf „Imperator“ ist unübersehbar.

[6] 1989 veröffentlicht Le Magazine littéraire eine Ausgabe, die der deutschsprachigen Literatur gewidmet ist. Von 77 AutorInnen sind 15 ÖsterreicherInnen. Peter Stephan Jungk publiziert in derselben Ausgabe einen Artikel mit dem Titel L’Autriche et ses gêneurs (Österreich und seine Unruhestifter) und erwähnt dabei Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek, Peter Turrini, Michael Scharang, Gernot Wolfgruber, Franz Innerhofer und Josef Haslinger. Vgl.: Magazine littéraire 1989. 1984 hatte der Übersetzer Heinz Schwarzinger in der Zeitschrift documents AutorInnen präsentiert, die in „Frankreich noch nicht so bekannt sind“, nämlich Elfriede Jelinek, Josef Winkler, Peter Turrini, Gerhard Roth, Erich Fried, Alfred Kolleritsch, Michael Scharang und H.C. Artmann. Vgl.: Schwarzinger, Heinz: Une image littéraire de l’Autriche. In: Documents. Revue des questions allemandes 4/1984.

[7] Vgl.: Jelinek, Elfriede: Enfants des morts. Ü: Olivier Le Lay. Paris: Le Seuil 2007. Vgl. dazu das Interview mit dem Übersetzer: De Rubercy, Eryck: Traduire Elfriede Jelinek. In: Revue des Deux Mondes 2/2007, S. 9-20. Diese Übersetzung wird in der französischen Presse besonders gelobt, vgl. u.a.: Deltin, Sophie: Du sang sur les mots. In: Le matricule des anges 3/2007 S. 34-35,  und Lebrun, Jean-Claude: Elfriede Jelinek: la parole et le texte. In: L’Humanité, 4.1.2007.

[8] Kargl, Elisabeth: ,La scandaleuse Autrichienne‘. La réception française d'Elfriede Jelinek. In: Lacheny, Marc / Laplénie, Jean-François: Au nom de Goethe! Hommage à Gerald Stieg. Paris: L’Harmattan 2009, S. 101-109.

[9]Vgl.: Muller, Marie: En Autriche, c´est-à-dire nulle part... In: Le Nouvel Observateur, 7.2.1986.

[10] Ebd.

[11] Vgl.: Muller, Marie: Le vampire maternel. In: Le Nouvel Observateur, 29.4.1988.

[12] Deshusses, Pierre: Jelinek décrète la haine générale. In: Le Monde, 4.9.1992.

[13] N. N.: Les Exclus ou les nécessités du theatre. In: Républicain Lorrain, 17.4.1994.

[14] Clavel, André: Virago danubienne. In: L’Événement du jeudi, 23.5.1991.

[15] Pascaud, Fabienne: La scandaleuse de Vienne. In: Télérama, 13.4.1994.

[16] Wetterwald, Denis: Lust, hymne à la liberté. In: Politis, 30.5.1991.

[17] Minart, Cella: Vienne-terreur. In: La Croix, 9.9.1989.

[18] Godard, Colette: L´aiguillon de la haine. In: Le Monde29.12.1993.

[19] Clavel, André: Virago danubienne, In: L’Événement du jeudi, 23.5.1991.

[20] La Montagne wirft die Frage auf: „Reicht es, Österreicher und skandalös sein, um als Schriftsteller zu gelten?“ Martin, Daniel: Jelinek: mémoires d’une jeune fille dérangeante. In: La Montagne, 16.6.1991.

[21] Interessanterweise wird dies von Jelinek selbst angesprochen. In einem Interview mit Pascale Casanova, Journalistin beim Kultursender France-Culture, vergleicht Jelinek die nicht erfolgte Aufarbeitung der Vergangenheit in Österreich und Frankreich. Dennoch betont sie: „Als ich vorhin diese Parallele zu Frankreich zog, beschränkte sich das auf die Erfindung des Unschuldsmythos, aber Österreich ist für mich ein Volk von Kriminellen. Dieses Land hat eine kriminelle Vergangenheit.“ Casanova, Pascale: Critique autrichienne de la raison germanique. In: Liber. Revue internationale des livres 6/1996. S. 3-5, S. 5.

[22] Maarek, David: L’expérience de l’horreur, In: La Tribune juive, 11.5.1995.

[23] Valentini, Ruth: Le cri d’une ‘dégénérée’, In: Le Nouvel Observateur, 10.6.1996.

[24] N. N.: o. T. In: Actuel2.4.1988.

[25] Vgl.: Autrand, Dominique: Insupportable et fort. In: La Quinzaine littéraire, 16.6.1991. 

[26] Vgl.: Casanova, Pascale: Critique autrichienne de la raison germanique.

[27] Meudal, Gérard: Jelinek la grace. In: Libération, 18.4.1991.

[28] Anissimov, Myriam: La musique est ailleurs. In: Le Monde de la Musique 3/1991, S. 94-96, S. 96.

[29] Méreuze, Didier: L’effarante réalité d’Elfriede Jelinek. In: La Croix, 19.1.1994.

[30] Ebd.

[31] Jelinek, Elfriede: Die Österreicher als Herren de Toten. In: Janke, Pia (Hg.): Die Nestbeschmutzerin. Wien: Praesens 2002, S. 61. „Les dernières élections municipales à Vienne nous ont laissé sous le choc. Une fois de plus, ,nous´ avons remporté la victoire contre les ,Autres’, les étrangers. [...] nous avons fondé notre identité, en tant qu’Autrichiens, sur l’anéantissement de l’Autre. Fiers de la crasse de notre musique populaire, de l’imposture de nos serments mozartiens et de nos chevaux blancs qui dansent la valse, nous gisons dans une déréliction infinie. Notre identité est fondée sur la négation de celle de l’étranger. Et lorsque nous bramons pour la retrouver, cette identité, nous nous abîmons dans nos chères delikatessen, Sachertorte crème fouettée, strudel aux pommes, et nous ne découvrons jamais que du néant [...] La xénophobie et l’antisémitisme, qui tous deux, en Autriche, ressemblent tellement à des phénomènes naturels qu’on dirait presque qu’ils s´y développent avec une sorte d’évidence quasi organique, ont en réalité une seule et même racine.“ Jelinek, Elfriede: De l’Autrichien comme seigneur de la mort. In: Libération, 2.12.1991.

[32] Vgl.: Clément, Catherine: Österreich als Sündenbock Europas?In: Der Standard, 13.1.1992.

[33] Janke, Pia (Hg.): Die Nestbeschmutzerin, S. 65.

[34] Vgl. z.B.: N. N.: Haider brüllt wieder: Chirac ist ein Westentaschen-Napoleonhttp://www.spiegel.de/politik/ausland/haider-bruellt-wieder-chirac-ist-ein-westentaschen-napoleon-a-68337.html (14.1.2014), datiert mit 9.3.2000.

[35] Vgl. dazu u.a.: De Daran, Valérie: Traduit de l’Allemand (Autriche). Bern: Peter Lang 2010; Redl, Rainer: Die Sanktionen des Jahres 2000 im Spiegel von „Le Figaro“ und „Ouest-France“. Wien, Dipl. 2009.

[36] Vgl.: Le Monde, 4.2.2000.

[37] Vgl. z.B.: Stolz, Joëlle: Quinze mille personnes à Vienne pour défendre ,l’autre Autriche‘. In: Le Monde, 4.2.2000.

[38] Vgl.: N. N.: Ajouter l’isolement artistique. In: Libération, 4.2.2000.

[39] Vgl.: Weill, Nicolas: Le dilemme des intellectuels français: comment soutenir les anti-Haider? In: Le Monde, 20.2.2000.

[40] N. N.: Les artistes et intellectuels divisés. In: Le Monde, 6.2.2000.

[41] Ebd.

[42] Jelinek, Elfriede: Innocente Autriche…. Ü: Yasmin Hoffmann und Maryvonne Litaize. In: Le Monde, 6.2.2000. Dabei handelt es sich um zwei Ausschnitte aus Moment! Aufnahme! 5.10.1999 und Moment! Aufnahme! Folge vom 28.1.2000, die auf Französisch auch in Autodafé und der Zeitschrift Europe erschienen sind.

[43] Bacharan, Nicole: L’Autriche névrosée par ses mensonges. In: Le Monde, 15.2.2000.

[44] „Eine wichtige Zahl österreichischer Autoren – es seien nur Elfriede Jelinek, Marlene Streeruwitz, Josef Haslinger, Robert Menasse, Gerhard Roth, Michael Scharang, Helmut Eisendle, Robert Schindel, Erich Hackl und Karl-Markus Gauß genannt – haben mit ihrem Werk und ihrem Engagement zu einer neuen Bewusstmachung der politischen Probleme im heutigen Österreich beigetragen. Die Europäer, die jetzt ihre Lektionen erteilen, haben sich bislang nicht für diese Analyse und dieses künstlerische Schaffen in Österreich interessiert. Der Herr Karl ist ihnen unbekannt, genauso wenig wissen sie von der subversiven Spracharbeit eines Ernst Jandl, und auch nichts von dem Einfluss, den die Wiener Gruppe in den 1960er Jahren ausgeübt hat.“ Baier, Lothar: Le mentir-vrai de ce bon Monsieur Karl dans son pays sans qualités. In: Innerhofer, Franz / Merz, Carl / Qualtinger, Helmut: Hanna et Karl. Marseille: Agone Editeur 2000, S. 5-17, S. 17.

[45] Vgl.: Le Nouvel Observateur, 10.2.2000.

[46] Jelinek, Elfriede: Je ressens une peur physique. In: Le Nouvel Observateur, 10.2.2000.

[47] Vgl.: Bouteillet, Maïa: Echos autrichiens à Vincennes. In: Libération, 22.6. 2000.

[48] „Elfriede Jelinek ist also in Frankreich alles andere als eine Unbekannte, doch ihr Werk gilt es noch zu entdecken. Bisher fand dessen Anerkennung hier eher in der intellektuell-politischen Debatte statt, paradoxerweise sehr viel weniger in der künstlerischen. Pierre Bourdieu war einer der ersten französischen Intellektuellen, der auf die Bedeutung von Jelineks Oeuvre hinwies. Er schrieb, eine Seite von Bernhard oder Jelinek über Heidegger enthalte oft mehr über ihn als ein ganzes Handbuch der Philosophie. Die kritische Tradition Österreichs, der die Schriftstellerin unbestreitbar zuzuordnen ist, hat ihr zweifelsohne auch die Anerkennung als eine Intellektuelle allerersten Ranges verschafft. Und man war umso geneigter, ihr politisches Engagement zu würdigen, als solches in der französischen Geisteswelt immer seltener wurde. Doch noch immer sieht man in Frankreich in Elfriede Jelinek viel zu selten die Schriftstellerin, die Autorin eines umfassenden literarischen Werks.“ Lecerf, Christine: Elfriede Jelinek et la Francehttp://www.arte.tv/de/elfriede-jelinek-und-frankreich/706682,CmC=706688.html (20.1.2014), datiert mit 6.12.2004.

[49] Gateau, Pascale / Valade, Valérie: Jacques Gabel, entretien. In: Le Journal 6/2002, S. 25-28, S. 27.

[50] Schidlow, Joshka: Les Amantes. In: Télérama, 22.3.2003; Darge, Fabienne: Des relents nauséabonds au pays du bonheur à l’eau de rose, In: Le Monde, 3.4.2003; H., A.: Images idylliques, pensées féroces. In: Le Figaro, 18.3.2003; Bouteillet, Maïa: Brûlot féministe façon farce. In: Libération, 31.3.2003.

[51] Vgl.: Darge, Fabienne: Des relents nauséabonds au pays du bonheur à l’eau de rose. In: Le Monde, 3.4. 2003.

[52] Vgl.: H., A.: Images idylliques, pensées féroces. In: Le Figaro, 18.3.2003.

[53] Bouteillet, Maïa: Brûlot féministe façon farce. In: Libération, 31.3.2003.

[54] Lebrun, Jean-Claude: Elfriede Jelinek Une haine vivifiante. In: L’Humanité, 21.8.2003.

[55] Corty, Bruno: Jacqueline Chambon: ,Elle le mérite‘. In: Le Figaro, 8.10.2004.

[56] Guitton, Georges: Elfriede Jelinek, Nobel de literature. In: Ouest-France8.10.2004.

[57] Stolz, Joëlle: Elfriede Jelinek, Nobel austro-radical. In: Le Monde, 8.10.2004.

[58] N. N.: Imprécatrice couronnée. In: Télérama 2857 (2004).

[59] Aïssaoui, Mohammed: Elfriede Jelinek, un prix Nobel détonnant. In: Le Figaro, 8.10.2004.

[60] Lebrun, Jean-Claude: Je ne suis pas une fleur à la boutonnière de l’Autriche. In: L’Humanité, 8.10.2004.

[61] Neuhoff, Eric: Elfriede Jelinek. In: Figaro Magazine, 29.10. 2004.

[62] Ebd.

[63] Vgl.: De Baecque, Antoine: Très délicate, très pâle, très douce. In: Libération, 8.10.2004.

[64] Vgl.: Dupuy, Gérard: Intempestive. In: Libération, 8.10. 2004.

[65] Stolz, Joëlle: Elfriede Jelinek. Ecrire là où ça fait mal. In: Le Monde27.11.2004.

[66] Vgl.: Cullin, Michel: Elfriede Jelinek et l’autre Autriche. In: Libération, 12.10.2004.

[67] France-Culture, 28.2. bis 4.3.2005. Télrama druckt einige Auszüge ab, das Porträt erscheint 2007 in Buchform im Verlag Le Seuil.

[68] Vgl. dazu Fußnote 7.

[69] Lacheny, Marc: Autriche. Oublier son passé nazi ou devoir s’y confronter? In: La Documentation française, November 2010. Der Autor gibt ein detailliertes Bild der künstlerischen und intellektuellen Gegenströmungen in Österreich seit 1945.

[70] Jacob, Didier: Elfriede Jelinek, la sexorciste. In: Le Nouvel Observateur, 25.5. 2012.

[71] Vgl.: N. N.: Winterreise, de Elfriede Jelinek, In: Le Magazine littéraire, 2.4.2012.

[72] Liger, Baptiste: Elfriede Jelinek: ,Je le revendique: oui, je suis un auteur comique. In: Lire, 7.5.2012.

 


ZITIERWEISE
KarglElisabethZur Rezeption von Jelineks Österreichkritik in Frankreich. https://jelinektabu.univie.ac.at/sanktion/stigmatisierung/elisabeth-kargl/ (Datum der Einsichtnahme) (= TABU: Bruch. Überschreitungen von Künstlerinnen. Interkulturelles Wissenschaftsportal der Forschungsplattform Elfriede Jelinek).


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