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POLITIK

Die Tabuisierungen von Schattenseiten der eigenen Geschichte dienen als identifikationsstiftende und identifikationswahrende Strategien.
Diese auf positive Eigenschaften verweisende regulierende Funktion des Tabus geht in Hinblick auf kollektive nationale Erinnerung oftmals mit Mechanismen des Verdrängens und Verschweigens einher.
So bezeichnet Anton Pelinka Tabus als „Axiome, die potentiell Schmerzhaftes zudecken sollen“[1].
Dieser Umstand korrespondiert mit einem impliziten Grundsatz des Tabu-Prinzips, der gemäß dem Soziologen Karl Otto Hondrich lautet:
„‚Du darfst das eigene kollektive Böse nicht kennen‘ – den Inzest nicht, die Verbrechen der eigenen Soldaten nicht, den eigenen Antisemitismus nicht.“[2]

Mit politischen Tabubrüchen, die das kollektive Gedächtnis eines ganzen Landes betreffen, befasste sich der Bereich Vergangenheit. Untersucht wurden hier Texte Jelineks, die sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Österreichs auseinandersetzen bzw. die mit dem Vorwurf polarisieren, dass ein diesbezügliches Gedankengut in der österreichischen Gesellschaft immer noch latent vorhanden ist. Ausgehend davon wurden Arbeiten internationaler Künstlerinnen beleuchtet, die durch die Konfrontation der eigenen nationalen Vergangenheit Tabu brechend agieren.
Ein weiterer Bereich thematisierte das Spannungsfeld von Täterinnen und Opfer. Während in der feministischen Forschung bis in die 1980er Jahre die Tendenz vorherrscht, die Frau im Nationalsozialismus auf ihre Opfer-Rolle zu reduzieren, kommt der Frau in Jelineks Werk von Beginn an auch jene der Mittäterin und Komplizin zu. Diese Tabu brechenden Darstellungen wurden anhand von Werken wie Burgtheater oder Erlkönigin aus interdisziplinärer Sicht thematisiert.
Der dritte Bereich widmete sich dem politischen Protest Jelineks und untersuchte ihn hinsichtlich seiner Tabu brechenden Funktion. Ausgehend davon wurde analysiert, wie Jelineks Engagement im internationalen Kontext rezipiert wird und welche Formen des politischen Protests andere internationale Künstlerinnen wählen.

[1] Pelinka, Anton: Tabus in der Politik. In: Bettelheim, Peter / Streibel, Robert (Hg.): Tabu und Geschichte. Wien: Picus 1994, S. 21-28, S. 21.

[2] Hondrich, Karl Otto: Wie sich Gesellschaft schafft. Fünf Prinzipien der Konstitution sozialen Lebens. In: Pryer, Gerhard (Hg.): Neuer Mensch und kollektive Identität in der Kommunikationsgesellschaft. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften 2003, S. 91-94, S. 93.

Bildnachweis: FPÖ-Plakat zur Wiener Gemeinderatswahl 1995. Foto: Gottfried Hüngsberg



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Elfriede Jelinek
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